Windmühlenträume: Roman

Windmühlenträume: Roman

by Brigitte Janson

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Overview

Das Glück liegt in den Vierlanden Maike Matthiesen muss immer die Wahrheit sagen. Nach einem Sturz verspürt die sonst so distanzierte Hotelmanagerin einen unerklärlichen Zwang, jedem auf den Kopf zuzusagen, was sie gerade denkt - auch ihren Gästen. Ein berufliches Desaster! Vor dem Zorn ihres Chefs flieht die 48-Jährige in ihre Heimat, die Vierlande. Doch dort erwarten Maike nicht nur Windmühlen und Blumenfelder, sondern auch eine alte Liebe und jede Menge Konflikte. Vor allem mit Stiefmutter Rosa, mit der sie seit Jahren nicht gesprochen hat. Erst langsam beginnt Maike zu begreifen, wie hart Rosas Leben als junge Frau auf einem Vierländer Hof gewesen sein muss. Jetzt da Maike selbst in einer Krise steckt, kann sie Rosa plötzlich verstehen und fragt sich, ob sie die Frau, die sie immer abgelehnt hat, eigentlich kennt ... Die unterhaltsame und warmherzige Geschichte einer Frau, die sich der Vergangenheit stellt und dabei die Liebe findet.

Product Details

ISBN-13: 9783843716420
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 09/08/2017
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 352
File size: 3 MB

About the Author

Brigitte Janson heißt eigentlich Brigitte Kanitz und wurde 1957 in Lübeck geboren. Viele Jahre war Hamburg ihre Wahlheimat, wo sie als Journalistin arbeitete. Heute lebt sie als freie Autorin in den italienischen Marken.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Hamburg, Gegenwart

Die Vierländerin schaute gleichmütig in die Ferne und bewegte sich nicht fort. Seit Jahrzehnten stand sie dort auf dem Hamburger Hopfenmarkt – ein Denkmal für die Gartenbauern und Grünhöker ihrer Heimat, geschützt von einem Himmel aus Gusseisen.

An diesem ersten Samstag im Oktober lief ein stetiger Nieselregen vom Baldachin ab und plätscherte in den Brunnen am Fuß der Statue.

Wie jeden Morgen senkte Maike den Blick, als sie an dem Denkmal vorbeilief. Wenn sie aufschaute, das wusste sie, umschwirrten sie die Erinnerungen wie ein Schwarm kreischender Möwen von der nahen Elbe.

Also beschleunigte sie ihren Schritt, sah stur zu Boden und hörte nur noch einen Warnruf, bevor sie umgestoßen wurde.

Sie hatte keine Chance. Zwar versuchte sie noch, auszuweichen, aber sie war nicht schnell genug.

Ihr Kopf knallte gegen den steinernen Brunnenrand des Denkmals, und die Welt um sie herum wurde mit einem Mal schwarz.

Maike spürte den Regen nicht, der ihr ins Gesicht lief, und weder hörte sie die aufgeregten Stimmen der Passanten noch die Sirene des Krankenwagens.

»Frau Matthiesen«, sagte eine fremde Männerstimme. Es klang, als käme sie von weit her.

Eine lange Zeit musste verstrichen sein, als sie das Bewusstsein wiedererlangte. Sie lag nicht mehr auf dem Platz, so viel begriff sie. Ihr war warm, und sie war trocken.

»Frau Matthiesen, können Sie mich hören?«

»Oh Gott!«, rief jemand anderes. Diese Stimme kannte sie. Da war sie sich ziemlich sicher. Die Stimme gehörte einer Frau, sie ...

Maike runzelte nachdenklich die Stirn. Augenblicklich grub sich ein scharfer Schmerz wie ein Pflug in ihren Kopf und trieb ihr die Tränen in die Augen.

»Verdammt!«, stieß sie aus.

»Sie ist wieder da«, sagte die Männerstimme, die professionell, fast ein wenig unbeteiligt klang. Ein Arzt, dachte sie.

»Unmöglich«, gab die Frau zurück. »Sie halluziniert. Maike flucht nicht.«

»Verdammt!«

»Anscheinend doch.«

Sie spürte, wie der Mann sich ihrem Bett näherte und sich über sie beugte. Dann hob er erst ihr rechtes und dann ihr linkes Lid an und strahlte ihr mit einem grellen Licht in die Augen. Schon rollte eine neue Schmerzwelle über sie hinweg.

»Verdammt!«, rief sie zum dritten Mal.

»Frau Matthiesen, drücken Sie bitte meine Hand, wenn Sie mich verstehen.«

Sie langte zu, sie war eine Vierländerin, sie hatte Kraft in den Händen. Wer jeden Tag nach der Schule Unkraut gezupft, mit Kuhmist hoch beladene Schubkarren fortbewegt und dicke schwarze Erde umgegraben hatte, war gewiss kein Schwächling. Außerdem war sie sauer auf diesen Kerl, der ihr so weh tat.

»Aaaah! Aufhören!«

Die fremde Hand wurde ihr entzogen, der Mann stöhnte noch eine Runde.

»Sie Weichei«, murmelte Maike, noch immer mit geschlossenen Augen.

»Du hast recht, Gesine«, sagte eine zweite Männerstimme. Die kam ihr ebenfalls vertraut vor, sehr vertraut sogar. Ein warmes, angenehmes Gefühl breitete sich in ihrer Herzgegend aus. Direkt darunter lauerte ein Unwohlsein, das sie nicht definieren konnte. »Sie ist nicht bei Verstand. Unsere Maike beleidigt keine Leute.«

»Genau. Sie ist schizophren oder so«, antwortete die Frau namens Gesine. »Sie war seit gestern früh weggetreten, und jetzt flucht und pöbelt sie rum. Doktor Kessler, Sie müssen sie noch einmal gründlich durchchecken. CT, MRT und wie das alles heißt. Und es ist mir egal, dass heute Sonntag ist.«

»Nicht nötig. Frau Matthiesen ist aus dem Koma erwacht und wird sich vollständig erholen. Vertrauen Sie mir.«

Koma?, dachte sie voller Angst.

Koma?

Das durfte nicht wahr sein!

»Was ... ist passiert?«, flüsterte sie.

Die warme, liebevolle Stimme kam dem Arzt zuvor. »Reg dich bitte nicht auf. Du hattest einen kleinen Unfall und liegst in der Uniklinik Eppendorf. Sei ganz ruhig, Maike, alles wird gut.«

»Was für einen ... Unfall?«

»Ein Fahrradkurier hat dich umgefahren. Auf dem Hopfenmarkt. Er behauptet, du hättest zu Boden gestarrt und ihn nicht gesehen, als er mit seinem Rad auf dem nassen Laub ausgerutscht ist. Jedenfalls – du bist mit dem Kopf ziemlich übel gegen das Denkmal gestoßen.«

»Welches Denkmal?« Sie versuchte, sich zu erinnern, doch es gelang ihr nicht.

»Das von der Vierländerin«, mischte sich die Frau ein. »Du weißt doch, diese Statue von der Gemüsefrau in der alten Tracht, die du so hasst.«

Maike hörte, wie der Arzt sich verabschiedete und den Raum verließ. Sie hatte die Augen noch nicht geöffnet, aber nun nahm sie den typischen Geruch nach aufgewärmtem Essen und Desinfektionsmitteln wahr.

Im Krankenhaus, dachte sie. Ich bin tatsächlich im Krankenhaus. Und wenn ich das richtig verstanden habe, schon seit gestern früh.

Unterdessen hatte Gesine offenbar weitergesprochen.

»... hast du immer gesagt, dass der glücklichste Tag deines Lebens derjenige war, an dem du Südwerder verlassen hast.«

Südwerder, der kleine Ortsteil von Kirchwerder in den Vierlanden, der es nie geschafft hatte, ein eigenständiges Dorf zu werden. Ein Bild stieg vor ihr auf. Bauernhäuser aus Fachwerk und roten Ziegeln, eine ehemalige Stellmacherei, in der mittlerweile Fahrräder an Touristen verliehen wurden; die alte Windmühle, genau wie alle anderen Gebäude und die schmalen Straßen erhöht gebaut, damit eine Überschwemmung keinen Schaden anrichten konnte. Tiefer gelegen hingegen die Gemüsefelder, daneben ein wogendes Meer aus Blumen und Gewächshäusern, die das Sonnenlicht zurückwarfen; dann die Obstplantagen und Deiche, überall Deiche, wohin der Blick auch fiel. Südlich davon die Elbe, nördlich ihre Seitenarme, erst die Gose- und dann die Dove-Elbe.

Das Bild wurde unscharf, als versänke die Idylle im Nebel.

Idylle, dachte Maike. Ha!

Sie hatte es verabscheut! Schon immer.

Nein, dachte sie im nächsten Moment. Nicht schon immer. Erst seit ... Gnädig kehrte die Ohnmacht zurück und schenkte ihr Ruhe.

Als sie das nächste Mal erwachte, hörte sie keine Stimmen. Alles war ruhig, nur draußen auf dem Gang erklang das energische Geräusch von Gummisohlen auf Linoleum, von klappernden Medizinwägelchen, von schlurfenden, zaghaften Pantoffelschritten der Kranken.

Dann jedoch vernahm sie ganz in ihrer Nähe ein ruhiges Atmen, begleitet von einem leisen Umblättern, und öffnete die Augen. Auf einem Stuhl direkt an ihrem Bett saß ein Mann und las in einem Buch.

Sie wusste sofort, wer er war. Erleichtert stellte sie fest, dass ihr Kopf wieder funktionierte. Robert wirkte entspannt. Nur eine Falte über der Nasenwurzel verriet, dass er sich Sorgen machte.

Weil er nicht aufschaute, hatte Maike Zeit, ihn zu betrachten. Sein grauschwarzes Haar brauchte dringend einen Schnitt, und wie üblich war er nachlässig rasiert. Er trug ein kariertes Baumwollhemd, das an den Ellenbogen durchgescheuert war, und eine Jeans, deren Löcher kein Modestatement waren.

Robert Wedemann war einundfünfzig Jahre alt und seit zwei Jahren Maikes Freund.

Es hatte an dem Tag begonnen, an dem er eine Kiste knackigen Feldsalat und dazu mehrere Bund frische Kräuter ins Hotel geliefert hatte. Über so gute Ware freue sich der Küchenchef immer, hatte Maike gesagt. Sie wollte unbedingt wissen, wer seine Lieferanten waren, doch er schwieg sich aus. Also drang sie nicht weiter in ihn.

An jenem Tag hatte er sie zum Essen eingeladen, und sie hatte zugesagt, obwohl das sonst nicht ihre Art war. Doch etwas an ihm zog sie auf unerklärliche Weise an. Vielleicht, so dachte sie manchmal, hatten die Kräuter den Ausschlag gegeben. Ihr Anblick weckte Erinnerungen an alte, glückliche Zeiten. Oder es war der Blick aus Roberts dunkelbraunen Augen gewesen, so ungewöhnlich warm und freundlich.

Eine Bewegung neben dem Bett ließ sie aufmerken. Robert hatte den Kopf gehoben und schaute sie an.

»Wie fühlst du dich?«, fragte er.

»Ganz gut, glaube ich.«

»Kopfweh?«

»Ein bisschen.«

Schon war Maike wieder erschöpft und schloss die Lider.

»Schlaf nur«, sagte Robert leise.

Aber sie schlief nicht, sondern erinnerte sich an ihr maßloses Staunen bei ihrem ersten Treffen mit ihm. Der ungepflegte Mann war frisch rasiert und in einem Maßanzug von Armani erschienen und hatte sie in eines der besten Lokale Hamburgs ausgeführt. Damals verriet Robert ihr, dass er in seinem ersten Leben, wie er es nannte, ein erfolgreicher Banker in der Hamburger City gewesen sei. Bis er genug gehabt und innerhalb weniger Monate noch einmal ganz von vorn begonnen hatte. Als Händler für biologisch angebautes Obst und Gemüse.

Maike war von ihm fasziniert, allerdings wünschte sie sich manchmal insgeheim, er möge immer noch der Banker sein, stets gut gekleidet und respektiert – ein Mann, der etwas hermachte. Mit dem Grünhöker, wie die Obst- und Gemüsehändler in ihrer alten Heimat genannt wurden, konnte sie nicht so viel anfangen.

Nachdenklich sah sie ihn an. Wäre sie ehrlich zu sich selbst gewesen, hätte sie vielleicht zugegeben, dass es ihr völlig gleich war, ob er Latzhosen oder einen Maßanzug trug. Denn Robert war ein wunderbarer Mann, liebevoll und geduldig mit ihr, die ihre Zuneigung nicht zeigen konnte. Doch Maike war viel zu sehr in ein Geflecht aus verdrängten Erinnerungen und unterdrückten Gefühlen verstrickt, um so klar zu sehen, wie es nötig gewesen wäre. In diesem Augenblick, im Krankenbett mit Robert an ihrer Seite, erkannte sie voller Schrecken, dass sie einen solchen Mann nicht verdient hatte.

Ihr Blick verschleierte sich. Mit aller Kraft musste sie den Wunsch unterdrücken, ihm durchs Haar zu fahren. Schnell schloss sie wieder die Augen. Die sich überstürzenden Gedanken konnte sie jedoch nicht aus ihrem Kopf verbannen.

Manchmal bildete sie sich ein, sein jetziges Dasein zeige sogar sein wahres Ich, und der Banker war einige Jahre lang nur eine Rolle gewesen, die er gespielt hatte. Doch wenn sie ihn darauf ansprach, wenn sie wissen wollte, woher er eigentlich stammte, wurde der sonst so redselige Mann plötzlich schweigsam und meinte nur, er spreche nicht gern über seine Kindheit. Das müsse sie doch verstehen, da sie selbst sich so zugeknöpft gebe.

Maike konnte nie etwas dagegen einwenden, aber da sie einander vieles nicht erzählten, fehlte es an Vertrauen zwischen ihnen. Und so blieb ihre Beziehung zwanglos, was Robert zu bedauern schien, was Maike aber ganz recht war. Sie war sowieso nicht der Typ fürs Heiraten. Das, so erklärte sie ihm einmal, hätte sie als junge Frau tun sollen, nicht mehr heute mit achtundvierzig Jahren.

Er wirkte betroffen, sagte aber nichts, und akzeptierte es weiterhin, dass Maike bestimmte, wie eng, oder besser: wie locker ihr Verhältnis sein sollte. Dennoch glaubte sie manchmal, er liebte sie. Dann schaute er sie mit einem besonderen Ausdruck an, voller Wärme und Zärtlichkeit. So wie eben.

»Robert«, flüsterte sie.

Eine raue Hand legte sich auf ihre und drückte sie sanft. »Brauchst du etwas? Ein Glas Wasser? Oder soll ich nach der Krankenschwester klingeln?«

Ganz leicht schüttelte Maike den Kopf. Wie gern hätte sie ihm etwas Freundliches gesagt, doch in ihrem Innern herrschte ein großes Durcheinander, und so blieb sie lieber stumm.

Langsam zog er seine Hand zurück und ließ Maike ruhen. Wie schon oft fragte sie sich, was er bloß an ihr fand.

Okay, sie sah gut aus, da kam sie ganz nach ihrer Mutter. Mittelgroß, zierlich, mit Rundungen an den richtigen Stellen, blonden, welligen Haare, die bis auf die Schultern fielen, und meereshellen Augen. Prompt musste sie an ihre Mutter Christine denken, und aus der Vergangenheit stieg ein großer Kummer in ihr hoch. Sie schluchzte leise auf, biss sich dann schnell auf die Lippen.

Nicht schnell genug.

»Liebling, warum weinst du? Sei nicht traurig.« Diesmal legte er ihr die Hand an die Wange. »Alles wird gut. Ich verspreche es dir.«

Kurz schmiegte sie ihr Gesicht in seine warme Handfläche. Dann riss sie sich zusammen und setzte sich auf.

»Warte, nicht so schnell. Du bist ganz blass.« Rasch erhob er sich und stopfte ihr zwei Kissen in den Rücken.

Seine Nähe war ihr auf einmal unangenehm. »Wieso bist du so verflucht fürsorglich?«

Er wirkte geschockt und schwieg, brachte nur wieder Abstand zwischen sie.

Erneut fragte sie sich, warum er sie gernhatte. Mochte sie auch schön sein, ihr Charakter war eindeutig schrecklich.

Oder?

Plötzlich lachte sie. So laut schallend, dass Robert zurückzuckte. Das brachte sie noch mehr zum Lachen. Sie hielt sich den Bauch, wollte sich entschuldigen, bekam jedoch kein Wort heraus. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie sich wieder beruhigte.

»Tut mir leid«, sagte sie dann und unterdrückte mit einiger Mühe einen Schluckauf. »Ich wusste nicht, dass ich dir so leicht Angst einjagen kann.« Sie hielt die Luft an, hickste aber noch ein paar Mal.

Robert ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. »Das hast du nicht. Es kam nur so überraschend.«

»Was?«

»Dein Lachen. Es ist ... wundervoll.«

Sie schaute ihn aus großen Augen an. »Wie meinst du das?«

»Ich habe dich noch nie lachen gehört. Jedenfalls nicht so – so von innen heraus.«

»Aha.«

Maike konnte damit nicht viel anfangen. Sie war einfach nur glücklich. Es ging ihr gut, die Kopfschmerzen waren zwar nicht verschwunden, aber erträglich. Der dumme Unfall hatte keine Spuren hinterlassen. Und ihr Lachen? In der ersten Sekunde hatte es sich fremd angefühlt, aber dann war eine Erinnerung in ihr aufgestiegen, zum Glück eine von den schönen: ein junges, hell kicherndes Mädchen. Sie selbst mit dreizehn oder vierzehn.

Frische Energie durchströmte sie. »Wann kann ich hier raus? Ich will mit diesem Weichei von Arzt reden, damit er mich gehen lässt.«

Roberts Augenbrauen wanderten in die Höhe. Fast bis zum Haaransatz. »Ich weiß nicht, Liebling. Vielleicht solltest du erst noch ein paar Untersuchungen machen. Du bist so anders.«

»Inwiefern anders?«

»Schwer zu sagen. Ich denke, es ist dein Gemüt. Du wirkst auf mich offener, freier und ... irgendwie glücklicher als sonst.«

»Na ja, wäre nicht das Schlechteste.«

»Nein, nur ein bisschen unheimlich.« Er grinste schwach. »Mir gefällt es aber. Du gefällst mir.«

Maike schenkte ihm ein Lächeln, das ihn schon wieder aus der Bahn warf. Sie bemerkte, wie sein Blick unsicher wurde, so als könne er nicht glauben, was er sah.

Mit einiger Mühe kämpfte sie gegen einen weiteren Lachanfall an.

»Wer war die Frau? », fragte sie. »Irgendwann war doch eine Frau hier.«

»Gesine«, erwiderte er. »Deine beste Freundin. Weißt du das nicht mehr?«

»Doch, jetzt ist alles wieder da.«

Gesine Kiehl, die kleine, brünette Rechtsanwältin mit dem teuren Modegeschmack und der scharfen Intelligenz. Fast zehn Jahre jünger als sie selbst und eine treue Freundin, obwohl sie sich nur selten sahen, weil beide hart an ihren jeweiligen Karrieren arbeiteten.

Bevor Maike noch etwas zu Robert sagen konnte, wurde die Tür zum Krankenzimmer aufgestoßen, und Gesine trat ein. Ihr hellbraunes, kinnlanges Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht, in dem allein der ausgeprägte Unterkiefer von Charakterstärke und Durchsetzungsvermögen zeugte. Wie immer war sie zu stark geschminkt. Sie hatte Maike mal erklärt, das Make-up sei für sie wie ein Schutzschild. Je mehr, desto besser. Desto weniger fühlte sie sich angreifbar.

»Wie gerufen«, bemerkte Robert. Er schien erleichtert, nicht mehr allein mit ihr zu sein. Oder enttäuscht.

War schwer zu erkennen, fand Maike.

»Hey!«, rief Gesine. »Unsere Komapatientin ist wieder unter uns.«

Sie stellte einen Kosmetikkoffer auf einem freien Stuhl ab und kam zum Bett. »Na, bist du wieder normal?«

Maike musste schon wieder lachen, woraufhin Gesine genau wie Robert eben zurückzuckte. Das erheiterte sie noch mehr.

»Eher nicht«, sagte die Freundin mit fester Stimme. »Du hast definitiv einen gehörigen Dachschaden. Das ist das Lachen einer Irren. Bist du noch mal in die Röhre gekommen?«

»Nicht nötig«, erklärte Maike. »Mir geht es gut. Hab nur noch einen leichten Brummschädel. Robert, sei ein Schatz und such jemanden, der mich entlässt.«

Der Schatz wirkte schon wieder äußerst verwirrt. Er war es nicht gewöhnt, so genannt zu werden. Aber er stand folgsam auf. »Mach ich.«

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ Gesine sich auf die Bettkante sinken und musterte Maike misstrauisch. »So, und jetzt mal ehrlich. Geht es dir wirklich wieder gut?«

»Klar doch.« Sie strahlte ihre Freundin an, erntete aber bloß einen weiteren zweifelnden Blick.

»Irgendwie bist du anders. Aber wenigstens auf nette Art. Na, egal, Zeit für ein bisschen Verschönerung. Und wehe, du weigerst dich wieder. Keine Frau verlässt ungeschminkt ein Krankenhaus.«

»Nichts dagegen«, sagte Maike fröhlich.

»Im Ernst? Du benutzt sonst höchstens eine getönte Tagescreme und einen pfirsichfarbenen Lippenstift.«

»Dann will ich es heute anders. Mach nur.«

Gesine schüttelte zwar noch den Kopf, tat dann aber wie ihr geheißen. Sie behandelte Maikes blondes Haar mit Trockenshampoo und bürstete es sorgfältig aus. Anschließend trug sie auf ihrem Gesicht eine Grundierung auf. Während sie mit flinken Fingern arbeitete, erklärte sie, was sie tat. »So, ein sanfter goldener Schimmer, jetzt der Kajalstrich – stillhalten! –, etwas Lidschatten, Mascara – nicht blinzeln! –, Rouge, nicht zu knalliger Lippenstift ... Voilà! Du siehst umwerfend aus. Wenn es dir wieder besser geht, darfst du mir auf Knien danken.«

(Continues…)



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