Stolzes Herz in Fesseln: Historischer Liebesroman

Stolzes Herz in Fesseln: Historischer Liebesroman

by Lisa Kleypas

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Overview

»Ich wäre lieber eine Waschfrau als die Gemahlin eines Peers.« Leider hat Lady Pandora Ravenel keine andere Wahl, als den Antrag von Gabriel, Lord St. Vincent anzunehmen. Denn sie wurde mit dem berüchtigten Frauenhelden in einer kompromittierenden Situation ertappt. Obwohl alles ganz harmlos war, kann nur eine schnelle Eheschließung ihren Ruf retten. Widerwillig folgt sie ihrem künftigen Gemahl auf sein Landgut, fest entschlossen, sich ihre Unabhängigkeit nicht nehmen zu lassen. Doch je mehr Zeit Pandora in der Nähe des attraktiven Lords verbringt, desto stärker geraten ihre Prinzipien ins Wanken … »Eine witzige und charmante Story, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite begeistern wird.« Kirkus Reviews

Product Details

ISBN-13: 9783955768874
Publisher: MIRA Taschenbuch
Publication date: 02/01/2019
Series: Die Ravenels , #3
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 320
File size: 2 MB

About the Author

Ihre preisgekrönten historischen Liebesromane, die in 20 Sprachen übersetzt sind und eine begeisterte Leserschaft gekonnt in vergangene Epochen entführen, haben Lisa Kleypas den Ruf einer Top-Autorin eingebracht. Regelmäßig finden sich ihre Bücher auf den Bestsellerlisten rund um den Globus. Mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern lebt die Autorin in Texas.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

London, 1876 Zwei Tage zuvor ...

Lady Pandora Ravenel langweilte sich.

Sie langweilte sich zu Tode.

Langweilte sich, gelangweilt zu sein.

Und die Londoner Saison hatte soeben erst begonnen. Vier lange Monate lagen vor ihr mit verhassten Bällen, Soireen, Konzerten und festlichen Dinner, ehe das Parlament geschlossen wurde und die Familien des Hochadels sich auf ihre Landsitze zurückzogen. Ihr standen mindestens sechzig Dinner bevor, fünfzig Bälle und weiß Gott wie viele Soireen.

Das würde sie nicht durchstehen.

Mit hängenden Schultern lehnte Pandora sich im Sessel zurück und starrte missmutig in das dichte Gedränge des Ballsaals. Elegante Herren in schwarz-weißer Gesellschaftskleidung, Offiziere in Galauniformen und blank polierten Stiefeln, Damen in Wolken aus Seide und Tüll. Wieso waren sie alle hier? Worüber könnten sie sich unterhalten, was nicht schon während des letzten Balls gesagt worden war?

Die schlimmste Form des Alleinseins, dachte Pandora verdrießlich, ist die Einsamkeit der einzigen Person, die sich nicht amüsierte, in einer fröhlichen Menge.

Inmitten der Paare, die sich im Walzertakt auf dem Parkett drehten, tanzte ihre Zwillingsschwester anmutig in den Armen eines hoffnungsvollen Verehrers. Bislang hatte Cassandra die Saison beinahe so langweilig und enttäuschend gefunden wie Pandora, war jedoch eher bereit, gute Miene zu dem öden Spiel zu machen.

"Möchtest du nicht lieber durch den Saal flanieren und dich mit Gästen unterhalten", hatte Cassandra sie zu Beginn des Abends gefragt, "statt in einer Ecke zu sitzen?"

"Nein. Wenn ich hier sitze, kann ich wenigstens über interessante Dinge nachdenken. Ich begreife nicht, wie du die Gesellschaft dieser ermüdenden Menschen stundenlang erträgst."

"Nicht alle sind ermüdend", hatte Cassandra widersprochen.

Pandora hatte ihr einen skeptischen Blick zugeworfen. "Befindet sich unter den Gentlemen, mit denen du geplaudert hast, auch nur einer, den du näher kennenlernen möchtest?"

"Bisher nicht", hatte Cassandra zugegeben. "Aber ich gebe nicht auf, bis ich mich mit jedem unterhalten habe."

"Wenn du einen kennst", hatte Pandora finster entgegnet, "kennst du sie alle."

Cassandra hatte achselzuckend gemeint: "Mit Gesprächen verfliegt der Abend schneller. Du solltest es mal versuchen."

Leider war Pandora hoffnungslos ungeschickt, was seichte Plauderei anging. Es war ihr unmöglich, Interesse zu heucheln, wenn ein aufgeblasener Dandy mit seinen Leistungen prahlte oder damit, wie beliebt er bei seinen Freunden war, die ihn alle bewunderten. Sie brachte auch keine Geduld auf für einen in die Jahre gekommenen Aristokraten, der Ausschau hielt nach einer jungen Braut, die ihm als Gesellschafterin und Krankenpflegerin dienen sollte, oder für einen jungen Witwer auf der Suche nach geeignetem Zuchtmaterial für seine Nachkommenschaft. Der Gedanke, von solchen Männern berührt zu werden, selbst mit Handschuhen, jagte ihr ein Frösteln über den Rücken. Und der Gedanke an eine gepflegte Konversation mit diesen Herren rief ihr in Erinnerung, wie grenzenlos gelangweilt sie war.

Während sie das Muster des Parkettbodens studierte, riss die strenge Stimme ihrer Gouvernante sie aus ihren Grübeleien.

"Pandora! Wieso sitzt du wieder in der Ecke? Zeig mir deine Tanzkarte."

Sie hob den Blick zu Eleanor, Lady Berwick, und reichte ihr widerstrebend die kleine gefächerte Karte.

Die Countess, eine hochgewachsene Frau von majestätischer Gestalt, in aufrechter Haltung, als habe sie einen Besenstiel verschluckt, klappte den winzigen Perlmuttfächer auf und starrte mit stahlhartem Blick auf die hauchdünnen Elfenbeinblättchen.

Alle leer.

Lady Berwicks schmale Lippen kräuselten sich, als ob man sie mit einer Schnur zusammenzöge. "Sie sollte längst gefüllt sein."

"Ich habe mir den Knöchel verstaucht", erklärte Pandora und wich ihrem Blick aus. Eine Verletzung vorzutäuschen war die einzige Rechtfertigung, um unbehelligt in der Ecke sitzen zu dürfen ohne damit einen groben gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen. Nach den Regeln der Etikette durfte eine Dame, die einen Tanz wegen Erschöpfung oder einer Verletzung abgelehnt hatte, keine weiteren Aufforderungen zum Tanz für den Rest des Abends annehmen.

Lady Berwicks missbilligende Stimme klang frostig. "Ist das dein Dank für Lord Trenears Großzügigkeit? All deine kostspieligen neuen Kleider und Accessoires? Wieso hast du zugelassen, dass er sich in diese Ausgaben stürzt, wenn du von Anfang an geplant hast, deine Saison nicht zu nutzen?"

Im Grunde genommen hatte Pandora deswegen keine Gewissensbisse. Ihr Cousin Devon, Lord Trenear, dem der Titel des Earls nach dem Tod ihres Bruders zugefallen war, hatte sich ihr und Cassandra gegenüber bemerkenswert gütig verhalten. Er hatte nicht nur die Kosten der Ballausstattung für sie und Cassandra übernommen, er hatte den Zwillingen überdies eine stattliche Mitgift zugesichert, die das Interesse eines jeden geeigneten Junggesellen garantierte. Ihre Eltern, die vor Jahren schon verstorben waren, wären bei Weitem nicht so großzügig gewesen.

"Ich habe nicht geplant, meine Saison nicht zu nutzen", murmelte sie zu ihrer Verteidigung. "Mir war nur nicht klar, wie schwierig das alles sein wird."

In erster Linie das Tanzen.

Bestimmte Tänze, etwa den Großen Marsch und die Quadrille, konnte sie schaffen, konnte sogar den Galopp durchstehen. Aber beim Walzer stellte jede Drehung eine Gefahr dar ... buchstäblich. Pandora hatte einen empfindlichen Gleichgewichtssinn; ihr wurde bei jeder schnellen Drehung schwindelig. Deshalb geriet sie auch bei Dunkelheit, wenn sie sich nicht auf ihre Sehfähigkeit als Orientierung verlassen konnte, aus der Balance. Lady Berwick wusste nichts von ihrer Schwäche, und aus Gründen des Stolzes und der Scham würde Pandora ihr das auch niemals gestehen. Nur Cassandra kannte ihr Geheimnis und die Geschichte dahinter und half ihr seit Jahren, ihre Behinderung zu verheimlichen.

"Es ist nur schwierig, weil du alles schwierig machst", entgegnete Lady Berwick streng.

"Ich sehe nicht ein, wieso ich mir so große Mühe geben soll, einen Ehemann zu ergattern, der mich niemals gern haben wird."

"Ob dein Ehemann dich gern hat oder nicht, ist unbedeutend. Eine Ehe hat nichts mit persönlichen Gefühlen zu tun. Sie ist eine Interessengemeinschaft."

Pandora schwieg, obwohl sie anderer Meinung war. Vor etwa einem Jahr hatte ihre ältere Schwester Helen Mr. Rhys Winterborne geheiratet, einen Waliser bürgerlicher Herkunft, und beide waren ein überaus glückliches Paar. Das Gleiche galt für Cousin Devon und seine Frau Kathleen. Liebesheiraten mochten zwar selten sein, waren jedoch keineswegs unmöglich.

Davon abgesehen konnte Pandora sich eine Ehegemeinschaft für sich selbst nicht vorstellen. Anders als Cassandra, die Romantikerin, hatte sie nie davon geträumt, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie sehnte sich nicht danach, zu jemandem zu gehören, und schon gar nicht wünschte sie sich, dass jemand zu ihr gehörte. So sehr sie versuchte, sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten anzupassen, wusste sie genau, dass sie in einem konventionellen Leben niemals glücklich werden könnte.

Lady Berwick setzte sich seufzend mit kerzengeradem Rücken neben sie. "Der Mai hat soeben erst begonnen. Erinnerst du dich, was ich dir darüber gesagt habe?"

"Der Mai ist der wichtigste Monat der Saison, in dem alle großen Festlichkeiten stattfinden."

"Richtig." Lady Berwick gab ihr die Tanzkarte zurück. "Nach diesem Ball erwarte ich von dir, dass du dich mehr bemühst. Das schuldest du Lord und Lady Trenear und dir selbst. Nicht zuletzt schuldest du es auch mir nach all meinen Bestrebungen, dir feine Manieren beizubringen."

"Sie haben völlig recht", pflichtete Pandora ihr kleinlaut bei. "Und es tut mir aufrichtig leid, Ihnen so große Mühe bereitet zu haben. Aber mir ist klar geworden, dass ich für all das nicht geschaffen bin. Ich habe nicht den Wunsch, mich zu verheiraten. Ich beabsichtige, meinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und ein eigenständiges Leben zu führen. Mit etwas Glück werde ich Erfolg haben, und niemand muss sich Sorgen um mein Wohlergehen machen."

"Sprichst du von diesem Unsinn, ein Gesellschaftsspiel zu erfinden?", fragte die Countess geringschätzig.

"Das ist kein Unsinn, sondern Realität. Ich habe bereits ein Patent darauf erworben. Fragen Sie Mr. Winterborne."

Vor einem Jahr hatte Pandora, die seit jeher eine Vorliebe für Gemeinschaftsspiele hatte, ein Brettspiel entworfen. Mit Mr. Winterbornes Ermunterung hatte sie Patentschutz eingereicht und erhalten. Nun beabsichtigte sie, das Spiel zu produzieren und zu vertreiben. Mr. Winterborne, Eigentümer der größten Warenhauskette in England, hatte ihr bereits zugesichert, fünfhundert Exemplare zu ordern. Das Spiel hatte große Chancen, ein Verkaufsschlager zu werden, da kaum Konkurrenz zu befürchten war. In Amerika blühte zwar das Geschäft mit Gesellschaftsspielen dank der Firma Milton Bradley, in Großbritannien steckte es aber noch in den Kinderschuhen. Pandora hatte bereits zwei weitere Spiele entwickelt, für die sie demnächst Patente zu erwerben beabsichtigte. Eines Tages würde sie genügend eigenes Geld verdienen, um ihre finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen.

"So sehr ich Mr. Winterborne schätze", entgegnete Lady Berwick säuerlich, "es missfällt mir erheblich, dass er dich in dieser Narretei ermutigt."

"Er findet, ich habe das Zeug, eine tüchtige Unternehmerin zu werden."

Die Countess zuckte zusammen, als sei sie von eine Wespe gestochen worden. "Pandora, du bist die Tochter eines Earls. Es wäre schlimm genug, wenn du einen Kaufmann oder Fabrikanten heiratest, aber selber ein Unternehmen zu führen ist undenkbar. Du würdest in keinem vornehmen Haus mehr empfangen werden. Die Gesellschaft würde dich ächten."

"Wieso sollte es diese Leute interessieren ...", Pandora ließ mürrisch ihren Blick über die Ballgäste schweifen, "... womit ich mich beschäftige?"

"Weil du eine von ihnen bist. Eine Tatsache, die ihnen ebenso wenig behagt wie dir." Die Countess schüttelte den Kopf. "Ich begreife dich nicht, Kind. Dein Verstand kommt mir vor wie diese Feuerwerkskörper – wie heißen die Dinger, die sich drehen und Funken sprühen?"

"Feuerräder."

"Ja. Wie ein funkensprühendes Rad, feurig und laut. Du triffst Entscheidungen, ohne dich um die Konsequenzen zu kümmern. Es ist nichts dagegen einzuwenden, klug zu sein, aber zu viel Klugheit bringt die gleichen Resultate wie Unwissenheit. Denkst du denn, du kannst dich einfach über die Regeln dieser Welt hinwegsetzen? Erwartest du, dass die Menschen dich bewundern, weil du anders bist?"

"Natürlich nicht." Pandora nestelte an ihrer leeren Tanzkarte, fächerte sie auf und klappte sie wieder zu. "Aber man könnte mich wenigstens akzeptieren."

"Törichtes, eigensinniges Ding, wieso sollte man? Nonkonformismus ist nichts anderes als verkappter Egoismus." Die Countess hätte ihr zwar liebend gerne einen längeren Vortrag gehalten, ließ es jedoch dabei bewenden und erhob sich seufzend. "Wir setzen diese Diskussion später fort." Lady Berwick rauschte zur Schar moralinsaurer, schwarz gekleideter Matronen hinüber, die aufgereiht wie eine Schar Krähen am Rande des Ballsaales saßen.

In Pandoras linkem Ohr setzte ein metallisches Sirren ein wie ein vibrierender, dünner Kupferdraht. Das geschah gelegentlich, wenn sie erschöpft war. Zu ihrer Bestürzung begannen auch ihre Augen zu brennen. Oh Gott! Das hatte ihr gerade noch gefehlt: Pandora, das exzentrische, linkische Mauerblümchen hockte weinend in der Ecke des Ballsaales. Nein, nur das nicht! Sie sprang so hastig auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte.

"Pandora", ertönte eine drängende Stimme hinter ihr. "Du musst mir helfen."

Verblüfft drehte sie sich zu Dolly, Lady Colwick, um, die zu ihr eilte.

Die temperamentvolle dunkelhaarige Dolly war die jüngere von Lady Berwicks zwei Töchtern. Die Familien hatten sich angefreundet, nachdem Lady Berwick sich erboten hatte, den Zwillingen Pandora und Cassandra Unterricht in feinem Benehmen zu erteilen. Die hübsche Dolly war allseits beliebt und immer freundlich zu Pandora, während andere junge Damen sich über sie lustig machten oder sie geringschätzig behandelten. Während ihres Debüts im letzten Jahr war Dolly die gefeierte Schönheit der Ballsaison und bei jeder Festlichkeit von einer Schar Verehrer umringt gewesen. Kürzlich hatte sie Arthur, Lord Colwick, geehelicht, der zwar zwanzig Jahre älter war als sie, allerdings den Vorzug eines stattlichen Vermögens sowie den Titel eines künftigen Marquis vorzuweisen hatte.

"Was ist geschehen?", fragte Pandora besorgt.

"Versprich mir, dass du Mama nichts davon verrätst."

Pandora schmunzelte. "Du weißt genau, dass ich ihr nie etwas verrate, wenn es sich einrichten lässt. Was ist passiert?"

"Ich habe einen Ohrring verloren."

"Oh verflixt!", meinte Pandora teilnahmsvoll. "Aber so etwas kann passieren. Ich verliere ständig irgendwas."

"Nein, du verstehst nicht. Lord Colwick holte die Saphirohrringe seiner Mutter aus dem Safe und bat mich, sie zu tragen." Dolly drehte ihr die Seite zu, an deren Ohrläppchen ein großer, in Diamanten gefasster Saphir baumelte. "Es geht nicht nur darum, dass ich den anderen verloren habe", fuhr sie jammernd fort, "sondern wo. Also, ich schlich mich für ein paar Minuten mit Mr. Hayhurst, einem früheren Verehrer, aus dem Haus. Lord Colwick wäre wütend auf mich, wenn er es herausfände."

Pandora bekam große Augen. "Wieso hast du das getan?"

"Nun ja, Mr. Hayhurst war mein glühendster Verehrer. Der arme Junge leidet noch heute an gebrochenem Herzen, weil ich Lord Colwick erhört habe, und stellt mir immer noch nach. Deshalb wollte ich ihn besänftigen und stimmte einem Treffen zu. Wir begaben uns in den Sommerpavillon im Garten hinter der Terrasse. Den Ohrring muss ich wohl auf der Bank, auf der wir saßen, verloren haben. Und wenn mein Gatte bemerkt, dass der Ohrring fehlt ... Ich wage gar nicht daran zu denken, was dann passiert."

Banges, erwartungsvolles Schweigen.

Pandora blickte zu den hohen Fenstern hinüber, in deren Scheiben sich die glitzernden Lichter der Kristalllüster brachen. Draußen war es stockdunkel.

Unbehagen kroch ihr kalt über den Rücken. Sie ging nachts nicht gern ins Freie, schon gar nicht allein. Aber Dolly war verzweifelt, und eingedenk ihrer früheren Freundlichkeit wollte Pandora sie nicht enttäuschen.

"Soll ich den Ohrring für dich holen?", bot sie ihr zögernd an.

"Würdest du mir den Gefallen tun? Du könntest zum Pavillon laufen, den Ohrring holen, und wärst in wenigen Minuten wieder hier. Du musst nur dem Kiesweg folgen. Bitte, bitte, liebe Pandora. Ich schulde dir mein Leben."

"Kein Grund, mich anzuflehen", sagte Pandora verlegen. "Ich werde ihn schon finden. Aber Dolly, jetzt, da du verheiratet bist, solltest du dich nicht länger heimlich mit Mr. Hayhurst treffen. Das Risiko ist er nicht wert."

Dolly sah sie traurig an. "Ich habe Lord Colwick gern, aber ich kann ihn niemals so lieben, wie ich Mr. Hayhurst liebe."

"Warum hast du dann nicht ihn geheiratet?"

"Mr. Hayhurst ist der dritte Sohn und hat keinen Anspruch auf einen Titel."

"Aber wenn du ihn liebst ..."

"Sei nicht albern, Pandora. Liebe ist etwas für Mädchen aus der Unterschicht." Dollys unsteter Blick flog ängstlich durch den Saal. "Niemand blickt in unsere Richtung", flüsterte sie hastig. "Wenn du dich beeilst, kannst du jetzt aus dem Saal huschen."

Oh ja, sie wollte sausen wie der Wind, um nicht länger als nötig nachts im Freien zu sein. Wenn nur Cassandra an ihrer Seite wäre, die stets zu haben war, wenn es um etwas Verbotenes ging. Andererseits war es vorteilhaft, dass ihre Schwester tanzte und Lady Berwicks Aufmerksamkeit auf sich zog.

Gemächlich schlenderte Pandora seitlich am Ballsaal entlang, schnappte Bruchstücke von Gesprächen über Opern, grüne Parkanlagen und letzte Neuigkeiten auf. Als sie hinter Lady Berwicks Sessel vorbeischlich, fürchtete sie beinahe, ihre Gouvernante würde sich umdrehen und sich auf sie stürzen wie ein Adler auf eine Maus. Zum Glück war Lady Berwick völlig versunken in den Anblick der sich drehenden bunten Kreisel schwingender Röcke und schwarzer Frackschöße.

Soweit Pandora beurteilen konnte, blieb ihre Flucht aus dem Ballsaal unbemerkt. Sie eilte die breite Freitreppe hinunter, durch die Eingangshalle, in die hell erleuchtete Galerie, vorbei an unzähligen Ahnenporträts würdevoller Aristokraten, die vorwurfsvoll auf sie herabblickten, als sie im Laufschritt an ihnen vorbeihastete.

An einer Terrassentür verharrte sie und blickte in die Ferne wie ein Passagier an der Reling eines Ozeandampfers. Vor ihr erstreckte sich die kühle dunkle Nacht. Sie hasste es, die Geborgenheit des Hauses verlassen zu müssen. Der Schein der Ölfackeln in Kupferschalen, die den Kiesweg am Rande der Rasenfläche säumten, gab ihr Mut.

(Continues…)


Excerpted from "Stolzes Herz in Fesseln"
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