Rotkehlchen: Harry Holes dritter Fall

Rotkehlchen: Harry Holes dritter Fall

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Overview

Als der norwegische Staatsschutz Hinweise auf ein geplantes Attentat auf den Thronfolger erhält, beginnt für Harry Hole ein Alptraum aus Lügen und Verrat. Die Spur der Verdächtigen führt in das dunkelste Kapitel norwegischer Vergangenheit: Eine Gruppe von Nazikollaborateuren hat im Untergrund ihr verhängnisvolles Netz gewoben und Harry sieht sich mit einem mörderischen Filz von Intrigen und Verblendung konfrontiert. Entdecken Sie auch DER SOHN, den neuen großen Kriminalroman von Jo Nesbø!

Product Details

ISBN-13: 9783548920665
Publisher: Ullstein eBooks
Publication date: 09/08/2010
Series: Ein Harry-Hole-Krimi , #3
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 464
File size: 659 KB

About the Author

Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten Krimiautoren weltweit. Die Hollywood-Verfilmung seines Romans Schneemann wird von Martin Scorsese produziert. Jo Nesbø lebt in Oslo.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

ZU ERDE

Mautstation Alnabru, 1. November 1999

1

Immer wieder flatterte ein grauer Vogel durch Harrys Blickfeld. Er trommelte auf das Lenkrad. Langsame Zeit. Irgendjemand hatte gestern im Fernsehen über die langsame Zeit gesprochen. Das hier war langsame Zeit. Wie am Heiligen Abend, bevor das Christkind kam, oder auf dem elektrischen Stuhl, ehe der Strom eingeschaltet wurde.

Er trommelte noch härter.

Sie hatten auf dem offenen Platz hinter den Kassenhäuschen der Mautstation geparkt. Ellen stellte das Autoradio ein bisschen lauter. Der Reporter sprach mit festlicher, andächtiger Stimme:

»Das Flugzeug landete vor fünfzig Minuten und exakt um 6 Uhr 38 betrat der Präsident norwegischen Boden. Er wurde vom Bürgermeister der Gemeinde Ullensaker willkommen geheißen. Es ist ein schöner Herbsttag hier in Oslo, ein idealer Rahmen für das Gipfeltreffen. Lassen Sie uns noch einmal hören, was der Präsident sagte, als er vor einer halben Stunde mit der Presse zusammentraf.«

Das war die dritte Wiederholung. Harry musste wieder an das stimmliche Durcheinander der Reporterschar denken, die sich gegen die Absperrung drückte. An die Männer in den grauen Anzügen auf der anderen Seite der Barrieren, die nur halbherzig versuchten, nicht wie Secret-Service-Agenten auszusehen. Sie zuckten mit den Schultern, beobachteten die Menschenmenge, überprüften zum zwölften Mal, ob ihr Knopf auch richtig im Ohr saß, beobachteten die Menschen, schoben sich die Sonnenbrillen zurecht, beobachteten die Menschen, ließen ihren Blick ein paar Sekunden lang auf einem Fotografen ruhen, der ein etwas zu langes Teleobjektiv hatte, beobachteten weiter und überprüften zum dreizehnten Mal, ob der Knopf richtig saß. Jemand hieß den Präsidenten auf Englisch willkommen, es wurde still und dann knackte es im Mikrofon.

»First let me say I'm delighted to be here ...«, sagte der Präsident zum vierten Mal in heiserem, breitem Amerikanisch.

»Ich habe gelesen, dass ein bekannter amerikanischer Psychologe der Meinung ist, der Präsident leide an MPS«, sagte Ellen.

»MPS?«

»Multiple Persönlichkeitsstörung. Dr. Jekyll und Mr Hyde. Der Psychologe behauptet, dass seine normale Persönlichkeit nichts von dem anderen, sexbesessenen Wesen wisse, dass es mit all diesen Frauen getrieben hat. Und dass ihn deshalb auch kein Gericht dafür verurteilen könne, unter Eid gelogen zu haben.«

»Is' ja 'n Ding«, sagte Harry und sah zu dem Helikopter auf, der hoch über ihnen in der Luft stand.

Im Radio fragte eine Stimme mit norwegischem Akzent:

»Herr Präsident, das ist der erste Norwegenbesuch eines amtierenden amerikanischen Präsidenten. Was empfinden Sie dabei?« Pause.

»Es ist sehr schön, wieder hierher zu kommen. Und dass die Führungen des Staates Israel und des palästinensischen Volkes sich hier treffen können, erachte ich als noch wichtiger. Es ist der Schlüssel zu ...«

»Erinnern Sie sich an Ihren letzten Besuch in Norwegen, Herr Präsident?«

»Norwegen hat eine wichtige Rolle gespielt.«

Eine Stimme ohne norwegischen Akzent:

»Für wie realistisch halten Sie es als Präsident, dass konkrete Resultate erreicht werden?«

Die Übertragung wurde unterbrochen und durch eine Stimme aus dem Studio fortgesetzt.

»Wir haben es also gehört. Der Präsident ist der Meinung, dass Norwegen eine entscheidende Rolle für ... äh, den Frieden im Nahen Osten innehat. Zum jetzigen Zeitpunkt befindet sich der Präsident auf dem Weg nach ...«

Harry stöhnte und stellte das Radio aus. »Was ist eigentlich mit diesem Land los, Ellen?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Punkt 27 passiert«, knackte es im Walkie-Talkie auf dem Armaturenbrett.

Er sah sie an.

»Alle auf dem Posten?«, fragte er. Sie nickte.

»Jetzt dauert's nicht mehr lang«, versicherte er. Sie verdrehte die Augen. Das war das fünfte Mal, dass er das sagte, seit der Konvoi in Gardermoen gestartet war. Von ihrem Platz aus konnten sie die leereAutobahn von der Mautstation bis hinauf nach Trosterud und Furuset überblicken. Das Blaulicht drehte sich gemächlich auf dem Dach. Harry kurbelte die Scheibe hinunter und streckte seine Hand aus dem Fenster, um ein welkes Blatt zu entfernen, das sich unter dem Scheibenwischer verklemmt hatte.

»Ein Rotkehlchen«, sagte Ellen und zeigte nach vorn. »Das ist ein seltener Vogel so spät im Herbst.«

»Wo?«

»Da, auf dem Dach des Kassenhäuschens.«

Harry beugte sich hinunter und sah durch die Windschutzscheibe.

»Aha? Das ist also ein Rotkehlchen?«

»Genau. Aber du kennst wohl kaum den Unterschied zwischen dem da und einer Rotdrossel, oder?«

»Stimmt.« Harry hielt sich die Hand über die Augen. Wurde er langsam kurzsichtig?

»Das ist bei uns ein seltener Vogel, das Rotkehlchen«, sagte Ellen und drehte den Verschluss wieder auf ihre Thermoskanne.

»Aha«, sagte Harry.

»Neunzig Prozent von denen ziehen im Winter nach Süden und nur einige wenige gehen sozusagen das Risiko ein, hier zu bleiben.«

»Soso.«

Es knackte wieder im Funkgerät.

»Posten 62 ans HQ: Zweihundert Meter vor der Abfahrt nach Lørenskog steht ein unbekanntes Auto neben der Straße.«

Eine tiefe Stimme mit Bergener Dialekt antwortete aus dem Hauptquartier:

»Einen Augenblick, 62, das überprüfen wir.«

Stille.

»Habt ihr die Toiletten überprüft?«, fragte Harry und nickte in Richtung der Essotankstelle.

»Ja, die Tankstelle ist geräumt, Kunden und Angestellte sind weg. Nur der Chef ist noch da. Den haben wir im Büro eingeschlossen.«

»Die Kassenhäuschen auch?«

»Alles überprüft, beruhig dich, Harry. Alles ist streng nach Liste abgecheckt. Tja, die wenigen, die hier bleiben, hoffen auf einen milden Winter, verstehst du? Das kann gut gehen, aber wenn ihre Rechnung nicht aufgeht, sterben sie. Du fragst dich jetzt bestimmt, warum sie dann nicht mit den anderen nach Süden ziehen. Ob die, die hier bleiben, einfach faul sind.«

Harry blickte in den Rückspiegel und sah die Wachen zu beiden Seiten der Eisenbahnbrücke. Sie waren schwarz gekleidet, trugen Helme und hatten eine MP5Maschinenpistole um den Hals hängen. Sogar von hier aus konnte er erkennen, wie angespannt ihre Körper waren.

»Die Sache ist, wenn es ein milder Winter wird, können sie die besten Brutplätze belegen, ehe die anderen wieder zurückkommen«, sagte Ellen und versuchte, die Thermoskanne wieder in das überfüllte Handschuhfach zurückzuschieben. »Das ist ein kalkuliertes Risiko, verstehst du? Du machst den Big Deal oder gibst den Löffel ab. Das Wagnis eingehen oder nicht. Wenn du es tust, fällst du vielleicht irgendwann nachts steif gefroren von einem Ast und taust erst im nächsten Frühjahr wieder auf. Traust du dich aber nicht, kriegst du womöglich keinen Platz mehr ab, wenn du zurückkommst. Das ist das ewige Dilemma, das man immer mit sich rumträgt.«

»Du hast doch deine schusssichere Weste an, oder?« Harry wandte sich kurz zu Ellen um und sah sie an.

Ellen antwortete nicht, sondern starrte nach vorn auf die Autobahn, während sie langsam den Kopf schüttelte.

»Hast du oder hast du nicht?«

Sie klopfte als Antwort mit ihren Knöcheln auf ihre Brust. »Die leichte?«

Sie nickte.

»Verdammt, Ellen! Ich hab doch den Befehl gegeben, Bleiwesten anzuziehen, nicht dieses Micky-Maus-Zeug!«

»Weißt du, was diese Secret-Service-Leute tragen?«

»Lass mich raten. Leichte Westen?«

»Genau.«

»Und weißt du, was mir scheißegal ist?«

»Lass mich raten. Der Secret Service?«

»Genau.«

Sie lachte und auch Harry musste lächeln. Es knackte wieder im Funk.

»HQ an Posten 62. Der Secret Service sagt, dass es ein Auto von ihnen ist, das an der Abfahrt nach Lørenskog steht.«

»Posten 62, verstanden.«

»Da siehst du es wieder«, sagte Harry und schlug ärgerlich mit der Hand aufs Lenkrad. »Keine Kommunikation. Diese Amis machen doch immer ihr eigenes Ding. Was hat dieses Auto da oben zu schaffen, ohne dass wir es wissen, häh?«

»Soll wohl überprüfen, ob wir unseren Job richtig machen«, vermutete Ellen.

»Wie sie es uns aufgetragen haben.«

»Du hast in jedem Fall das Recht, ein wenig mitzubestimmen, also beklag dich nicht«, sagte sie, »und hör endlich mit diesem Getrommel auf.«

Harry legte seine Finger gehorsam in seinen Schoß. Sie lächelte. Er atmete in einem langen Seufzer aus:

»Jajaja.«

Seine Finger fanden den Schaft seiner Dienstwaffe, einer 38er Smith & Wesson mit sechs Schuss. Im Gürtel hatte er zwei weitere Magazine mit je sechs Schuss. Er tätschelte seinen Revolver in dem sicheren Wissen, dass er zurzeit streng genommen gar nicht befugt war, eine Waffe zu tragen. Vielleicht wurde er wirklich kurzsichtig, denn nach dem vierzigstündigen Kurs im letzten Winter war er durch die Schießprüfung gefallen. Auch wenn so etwas öfter vorkam, war es doch das erste Mal, dass das Harry widerfahren war, und es gefiel ihm ganz und gar nicht. Eigentlich hätte er die Prüfung bloß wiederholen müssen; er war nicht der Einzige, der vier oder fünf Anläufe brauchte, doch Harry hatte das aus irgendeinem Grund immer wieder verschoben.

Wieder knackte es: »Punkt 28 passiert.«

»Das war der vorletzte Punkt im Polizeidistrikt Romerike«, sagte Harry. »Jetzt kommt Karihaugen und dann sind wir dran.«

»Warum können die das nicht so machen wie immer und sagen, wo sich der Konvoi befindet, anstatt diese blöden Nummern anzugeben?«, fragte Ellen vorwurfsvoll.

»Rat doch mal.«

Sie antworteten im Chor: »Secret Service!« und lachten. »Punkt 29 passiert.«

Er sah auf die Uhr.

»Okay, dann sind die in drei Minuten da. Ich geh jetzt auf die Frequenz vom Osloer Polizeidistrikt. Check noch mal alles ab.«

Es knackte und pfiff im Funkempfänger, während Ellen die Augen schloss, um sich auf die Bestätigungen zu konzentrieren, die ihr der Reihe nach gemeldet wurden. Dann steckte sie das Mikrofon wieder zurück. »Alle auf ihren Plätzen und bereit.«

»Danke. Setz deinen Helm auf.«

»Häh? Also wirklich, Harry.«

»Du hast gehört, was ich gesagt habe.«

»Dann du aber auch!«

»Meiner ist zu klein!«

Eine neue Stimme: »Punkt 1 passiert.«

»Verdammt, manchmal bist du einfach so ... unprofessionell.« Ellen drückte sich den Helm auf den Kopf, befestigte den Kinnriemen und streckte dem Innenspiegel die Zunge heraus.

»Ich liebe dich auch«, sagte Harry, während er die Straße vor sich durch das Fernglas beobachtete. »Ich sehe sie.«

Ganz oben auf der Steigung bei Karihaugen blinkte Metall auf. Harry sah bis jetzt nur den ersten Wagen des Konvois, doch er kannte die Reihenfolge: sechs Motorräder mit besonders geschulten Polizisten der norwegischen Escortabteilung, zwei norwegische Begleitfahrzeuge, dann ein Wagen vom Secret Service, gefolgt von zwei exakt gleichen Cadillac Fleetwood Limousinen, Spezialwagen des Secret Service, die beide aus den USA eingeflogen worden waren. In einem davon saß der Präsident. In welchem, war geheim. Vielleicht sitzt er auch in beiden, dachte Harry. Einen für Jekyll und einen für Hyde. Dann kamen die größeren Wagen: Krankenwagen, Kommunikationsfahrzeug und noch mehr Secret-Service-Wagen.

»Alles scheint ruhig zu sein«, bemerkte Harry. Er bewegte sein Fernglas langsam von rechts nach links. Die Luft flimmerte über dem Asphalt, obgleich es ein kühler Novembermorgen war.

Ellen konnte den Umriss des ersten Wagens erkennen. In einer halben Minute sollten sie die Mautstation passiert haben, womit die Hälfte ihres Jobs erledigt wäre. Und in zwei Tagen, wenn dieselben Autos die Mautstation in umgekehrter Richtung erneut passiert hatten, konnten Harry und sie ihre gewohnte Polizeiarbeit wieder aufnehmen. Ihr waren die Toten im Morddezernat lieber, als um drei Uhr nachts aufzustehen und dann mit einem übel gelaunten Harry, dem seine Verantwortung schwer zu schaffen machte, in einem kalten Volvo zu sitzen.

Abgesehen von Harrys gleichmäßigem Atem war es vollkommen still im Auto. Sie überprüfte, ob die Statusanzeigen beider Funkempfänger leuchteten. Die Autokolonne hatte jetzt beinahe die Senke erreicht. Sie nahm sich vor, nach dem Job ins Torst zu gehen und sich volllaufen zu lassen. Dort gab es einen Typen, mit dem sie neulich geflirtet hatte; er hatte schwarze Locken und braune, fast gefährliche Augen. Er war mager und hatte so einen bohemeartigen, intellektuellen Touch. Vielleicht ...

»Was zum Teuf...«

Harry hatte sich bereits das Mikrofon geschnappt. »Im dritten Kassenhäuschen von links steht jemand. Kann mir einer diese Person identifizieren?«

Das Funkgerät antwortete mit knisterndem Schweigen, während Ellens Blick die Reihe der Kassenhäuschen absuchte. Da! Hinter dem braunen Glas erkannte sie den Rücken eines Mannes – kaum vierzig, fünfzig Meter vor ihnen. Im Gegenlicht zeichnete sich sein Profil deutlich ab. Ebenso der kurze Lauf mit dem Zielfernrohr, der über seine Schulter hinausragte.

»Eine Waffe!«, rief sie. »Er hat eine Maschinenpistole!«

»Scheiße!« Harry trat die Autotür auf, packte mit beiden Händen den Rand des Autodaches und schwang sich nach draußen. Ellen starrte auf die Wagenkolonne. Sie war vielleicht noch hundert Meter entfernt. Harry steckte seinen Kopf ins Auto.

»Das ist keiner von uns, aber es kann einer vom Secret Service sein«, sagte er. »Ruf das HQ an.« Er hielt den Revolver bereits in der Hand.

»Harry ...«

»Sofort! Und drück die Hupe, wenn sie sagen, dass es einer von denen ist.«

Harry rannte auf das Kassenhäuschen zu. Der Gewehrlauf sah aus wie der Lauf einer Uzi. Die raue Morgenluft brannte in den Lungen.

»Polizei!«, schrie Harry. »Police!«

Keine Reaktion, das dicke Glas sollte den Verkehrslärm von draußen abhalten. Der Mann hatte seinen Kopf jetzt in Richtung Kolonne gedreht und Harry konnte die dunkle Ray-Ban-Sonnenbrille erkennen. Secret Service. Oder jemand, der wie einer vom Secret Service aussehen wollte.

Noch zwanzig Meter.

Wie war er in das verschlossene Häuschen gekommen, wenn er keiner von denen war? Verdammt! Harry konnte bereits die Motorräder hören. Er würde das Häuschen nicht mehr erreichen.

Er entsicherte die Waffe und hoffte, die Hupe des Autos möge die morgendliche Stille an diesem Ort auf der gesperrten Autobahn zerreißen, an den er nie, wirklich niemals gewollt hatte. Der Befehl war klar, doch er konnte den Gedanken einfach nicht von sich weisen: leichte Weste, keine Kommunikation. Schieß, es ist nicht dein Fehler. Ob er Familie hat?

Unmittelbar hinter dem Kassenhäuschen kam jetzt die Kolonne zum Vorschein, und das schnell. In zwei Sekunden würde der Cadillac in Höhe der Mautstation sein. Aus dem linken Augenwinkel sah er eine Bewegung – ein kleiner Vogel, der vom Dach aufflog.

Das Wagnis eingehen oder nicht ... dieses ewige Dilemma.

Er dachte an den tiefen Halsausschnitt der Weste und senkte den Revolver ein klein wenig. Das Dröhnen der Motorräder war ohrenbetäubend.

Oslo, Dienstag, 5. Oktober 1999

2

»Genau das ist ja der große Betrug«, sagte der kahl geschorene Mann und warf einen Blick auf das Manuskript. Der Kopf, die Augenbrauen, die kräftigen Unterarme, ja sogar seine gewaltigen Hände, die das Rednerpult umklammerten, waren frisch rasiert und sauber. Er beugte sich zum Mikrofon vor.

»Seit 1945 haben die Feinde des Nationalsozialismus das Feld beherrscht und ihre demokratischen und ökonomischen Prinzipien ausgeübt. Als Folge davon hat die Welt seither nicht einen einzigen Sonnenuntergang ohne kriegerische Auseinandersetzungen gesehen. Selbst hier in Europa haben wir Krieg und Völkermord miterleben müssen. In der Dritten Welt hungern und sterben Millionen – und Europa wird von Massenzuwanderung und dem damit verbundenen Chaos bedroht, von der Not und dem Kampf ums Dasein.«

Er hielt inne und sah sich um. Es war mucksmäuschenstill im Saal, nur einer der Zuhörer in den Reihen hinter ihm klatschte leise Beifall. Als er erregt fortfuhr, leuchtete die kleine Lampe unter dem Mikrofon verräterisch auf – der Kassettenrecorder empfing verzerrte Signale.

»Nur wenig trennt auch uns von unbekümmertem Reichtum und dem Tag, an dem wir uns auf uns selbst und auf die Gesellschaft um uns herum verlassen müssen. Ein Krieg, eine ökonomische oder ökologische Katastrophe – und das gesamte Netzwerk aus Regeln und Gesetzen, das uns alle so schnell zu passiven Nutznießern des Sozialstaates werden lässt, ist plötzlich verschwunden. Der letzte große Betrug fand am 9. April 1940 statt, als unsere so genannten nationalen Führungspersonen vor dem Feind davonrannten, um ihre eigene Haut zu retten. Und die staatlichen Goldreserven mitnahmen, um in London ein Leben in Luxus zu finanzieren. Jetzt ist der Feind wieder hier. Und diejenigen, die unsere Interessen verteidigen sollten, betrügen uns erneut. Sie lassen den Feind Moscheen in unserer Mitte errichten, erlauben es ihm, die Alten auszurauben und sein Blut mit dem unserer Frauen zu mischen. Es ist ganz einfach unsere Pflicht, unsere Rasse der Nordmänner zu schützen und diejenigen zu eliminieren, die uns betrügen wollen.«

Er blätterte zur nächsten Seite um, doch ein Räuspern vom Podium vor ihm ließ ihn innehalten und aufblicken.

»Danke, ich glaube, wir haben genug gehört«, sagte der Richter und sah über seine Brille. »Hat die Staatsanwaltschaft noch weitere Fragen an den Angeklagten?«

(Continues…)



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