Helgoland: Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee

Helgoland: Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee

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Overview

Die große Geschichte einer kleinen Insel Helgoland, ein rauer Felsen in der Nordseebrandung und zugleich seit knapp 200 Jahren Symbol und Kampfplatz deutscher wie englischer Historie. Hierhin zog sich Heinrich Heine zurück und hier schrieb Hoffmann von Fallersleben die deutsche Nationalhymne. In seinem Buch zeigt der Historiker Jan Rüger Helgoland als Spiegelbild und Mikrokosmos einer großen europäischen Geschichte. Rüger erzählt das Große im Kleinen: Deutschland und Großbritannien, zwei Großmächte im Gerangel um die Vorherrschaft, im Taumel des Nationalismus und zugleich im fruchtbaren geistigen Austausch. Schon 1807 hatten die Briten Helgoland eingenommen, um von hier den Kampf gegen Napoleon zu organisieren. Durch den sogenannten Helgoland-Sansibar-Vertrag ging die Insel an Preußen und verwandelte sich zur Seefestung. Im 20. Jahrhundert wurde Helgoland umkämpfter Schauplatz in beiden Weltkriegen und erlebte 1947 durch die Briten die größte nicht atomare Sprengung der Geschichte. Das Buch zeigt Helgoland jenseits der Nationen, jenseits der Völker als einen Ort der historischen Vielfalt und als Mahnmal für einen dauerhaften europäischen Frieden. 

Product Details

ISBN-13: 9783843716697
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 10/13/2017
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 372
File size: 11 MB
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About the Author

Karl Heinz Siber arbeitet seit Ende der 1970er Jahre als Sachbuch-Übersetzer aus dem Englischen. Er übersetzt vorwiegend zeitgeschichtliche Bücher, aber auch Biographien von Naturwissenschaftlern und Musikern.

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CHAPTER 1

AM RANDE EUROPAS

GEORGE III., Großbritanniens langjähriger und jetzt gebrechlich gewordener Monarch, hatte nie von Helgoland gehört. Seine Regierung, die von William Grenville geleitete »Regierung aller Talente«, trat am 9. Dezember 1806 zusammen, um über den Krieg gegen Napoleon zu beraten. Seit dem Sieg Nelsons bei Trafalgar stellte die französische Kriegsflotte – oder was von ihr übrig war – für die Briten kaum noch eine Gefahr dar. Zu fürchten blieb jedoch die dänische Marine, von der Regierung in Kopenhagen bis dahin aus dem Krieg herausgehalten. Jetzt, da französische Truppen auf dem Vormarsch durch Norddeutschland waren, schien auf die Neutralität Dänemarks kein großer Verlass mehr. Im Oktober 1806 hatte Napoleon bei Jena und Auerstedt das preußische Heer vernichtend geschlagen. Schon bald würde er in der Lage sein, den Dänen mit Einmarsch zu drohen. Wenn sie nachgaben und sich mit Frankreich verbündeten, war damit zu rechnen, dass sie ihre Flotte gegen England einsetzen würden. Grenvilles Kabinett kam bei dieser Lage der Dinge zu dem Schluss, es könne »letzten Endes nötig werden, Helgoland in Besitz zu nehmen, um einen sicheren Stützpunkt für die Schiffe Eurer Majestät zu gewinnen«. Die britische Marine solle schon jetzt den Inselaußenposten in der Nordsee einer Blockade unterwerfen. Es sei überaus wichtig, die Dänen davon abzuhalten, Helgoland zu einer Festung auszubauen. George III. stimmte zu. Am 10. Dezember wies er seine Flotte an, »zu verhindern, dass dieser Insel irgendwelche Verstärkungen zugeführt werden«.

Edward Thornton, Londons Vertreter in Norddeutschland, hatte dieses Vorgehen schon seit einiger Zeit empfohlen. Thornton war britischer Generalbevollmächtigter am Niedersächsischen Reichskreis, einem Flickenteppich von Kleinstaaten, die zum Heiligen Römischen Reich gehört hatten, jetzt aber von Napoleon mit harter Hand neu geordnet wurden. Seit dem Vormarsch der Franzosen ins nördliche Deutschland war Thornton statt mit seinen amtlichen Routineaufgaben fast nur noch nachrichtendienstlich beschäftigt. Gestützt auf ein wachsendes Netz von Informanten, belieferte er London fleißig mit Berichten über die Bewegungen und Schachzüge Napoleons. Als die Franzosen 1806 Anstalten machten, Hamburg zu besetzen, setzte sich Thornton aus seinem Amtssitz in das benachbarte Herzogtum Holstein ab, das unter dänischer Verwaltung stand und noch neutral war. Von hier aus schickte er weiterhin Berichte nach London. Helgoland spielte dabei eine Schlüsselrolle. Thorntons Kuriere und Agenten nutzten die Insel als Sprungbrett, lag sie doch innerhalb der Reichweite der Royal Navy, aber knapp außerhalb der Einflusssphäre Napoleons. Einer dieser Agenten, John Sontag, Offizier des militärischen Nachrichtendienstes, erkundete die Insel im Juli 1807. Er drängte London zur militärischen Besetzung des Außenpostens für den Fall, »dass ein Bruch mit Dänemark unvermeidlich« würde.

Am 11. August 1807 kam Thornton, der jeden Augenblick mit einer Besetzung Holsteins durch die Franzosen rechnete, zu dem Schluss, dass es »meine Pflicht [sei], mich schleunigst nach England zu begeben«.Schon eine Woche zuvor waren alle britischen Schiffe aus den Häfen des Herzogtums ausgelaufen, doch konnte er ein Boot organisieren, das ihn in die Deutsche Bucht brachte, wo ihn der Kommandant der die Festlandsblockade sichernden britischen Kriegsschiffe erwartete. Am 14. August ging er an Bord der HMS Quebec, begleitet von dreien seiner Mitarbeiter. Wenig später stieg er für die Überfahrt nach London auf ein anderes Kriegsschiff um. Auf dem Weg Richtung England passierte er Helgoland, jenen »hoch aufragenden, öden, felsigen Flecken«.

Nach seiner Ankunft in London wurde Thornton zum britischen Außenminister George Canning beordert. Canning war einer der führenden Köpfe der neuen, vom Herzog von Portland geleiteten Regierung, die die Geschäfte von Grenvilles »Regierung aller Talente« übernommen hatte. Als Vertreter eines harten Kurses gegenüber Dänemark hatte Canning maßgeblichen Anteil am Beschluss der Regierung, die Royal Navy in die Ostsee zu entsenden. Diese Machtdemonstration hatte die Dänen freilich nicht dazu gebracht, in ein Bündnis mit Großbritannien einzuwilligen. Von Napoleon unter immensen Druck gesetzt, hatten sie ein von den Briten gestelltes Ultimatum in den Wind geschlagen. Seit Mitte August befanden sich die beiden Länder im Krieg miteinander; britische Flotten- und Heeresverbände rückten auf Kopenhagen vor.

In dieser Situation erschien die Besetzung Helgolands als ein »besonders wichtiger« Schritt, darin war sich Thornton mit Canning einig. Es komme für Großbritannien entscheidend darauf an, dass weder die Dänen noch die Franzosen diese strategische Bastion nutzen konnten:

Dank ihrer Lage und der großen Höhe [ihrer Klippen] im Vergleich zu der flachen und gefährlichen Küste der Nordsee mit ihren Untiefen ist es für jedes die Heewer, Eider, Elbe, Weser und Jade ansteuernde oder aus ihnen kommende Schiff absolut notwendig, die Insel Helgoland zu passieren.

Falls Großbritannien sich Helgoland aneigne, könne »ein Geschwader königlicher Schiffe von dort aus die Blockade der wichtigen Zuflüsse in die Nordsee organisieren«. Zugleich könne die Insel als Vorposten dienen, um die »Kontinentalsperre« zu durchbrechen, mit der Napoleon allen Handel zwischen Großbritannien und dem übrigen Europa zu unterbinden suche. Helgoland liege, so erklärte Thornton, nahe genug am Festland, um »Handelswaren in kleinen Schiffen zum Kontinent zu transportieren«. Gleichermaßen liege es für die Royal Navy weit genug von der Küste entfernt, um deren Zugang zu kontrollieren. Auch für das Sammeln nachrichtendienstlicher Erkenntnisse sei die Insel ein Ort »von wesentlicher Bedeutung für die Regierung Seiner Majestät«.

Helgoland zu besetzen, würde nach Überzeugung Thorntons keine schwere Aufgabe sein. Die Garnison bestehe aus einer geringen Zahl dänischer Soldaten. Daneben gebe es noch eine größere Miliz, bestehend aus Helgoländern, die jedoch nicht zuverlässig seien. Diese Männer würden, so sagte Thornton voraus, »jedem deutlichen Auftreten einer Seemacht nachgeben«, weil Letztere imstande sei, »dem Handel und Wandel der Inselbewohner unverzüglich ein Ende zu setzen und sie von allen Mitteln ihres Lebensunterhalts abzuschneiden«. Canning ließ sich überzeugen, und die Admiralität arbeitete noch am selben Tag Befehle aus: Parallel zum britischen Angriff auf Kopenhagen (der für den 4. September angesetzt war) sollte Helgoland unter Verwendung »der schnellsten und besten Mittel« eingenommen werden.

Der mit dem Einsatz betraute Offizier war Vizeadmiral Thomas McNamara Russell, Oberkommandierender des britischen Nordseegeschwaders. Ein Vorauskommando seiner Schiffe hatte bereits eine Blockade um Helgoland gelegt, als ein Kurierboot ihn unweit der holländischen Küste erreichte und ihm die Befehle der Admiralität überbrachte. Russell setzte unverzüglich Segel und traf am 4. September vor Helgoland ein. Sein Flaggschiff, die HMS Majestic mit ihren 74 Geschützen, ging in Sichtweite der Bewohner vor Anker. Der dänische Kommandant hatte bis dahin, obwohl von jedem Nachschub abgeschnitten, die Kapitulation verweigert. Wie Russell später schrieb:

Ich traf meine Vorkehrungen, um mit den Matrosen und Seeleuten des Geschwaders zum Sturm anzutreten, falls er sich nicht unverzüglich ergeben sollte, denn der Wert der Insel ist derzeit für uns immens. Um 18 Uhr ließ er dann jedoch eine [weiße Fahne] herausbringen, verbunden mit dem Wunsch, ihm am Morgen einen Offizier zu Verhandlungen über Kapitulations-bedingungen zu schicken.

Russell willigte ein und entsandte eine Abordnung mit einem Brief für den Gouverneur; darin beschwor er den Dänen, nicht »das Blut und das Eigentum Ihrer Bewohner für einen vergeblichen und wirkungslosen Widerstand zu opfern; hingegen können Sie durch eine unverzügliche Kapitulation dem Schrecken einer Erstürmung entgehen.«

Major Karl Johann von Zeska, der Kommandant der Insel, wäre, wie sich herausstellte, gar nicht in der Lage gewesen, viel Gegenwehr zu leisten. Er konnte sich zwar auf seine Kompanie dänischer Soldaten verlassen, war aber nicht in der Lage, eine ausreichende Zahl Helgoländer zu bewaffnetem Widerstand zu bewegen. Ihnen war es, wie Thornton vorausgesagt hatte, wichtiger, ihre Familien und ihren Lebensunterhalt zu schützen, als für die dänische Krone zu sterben. Von Zeska ergab sich und verhandelte über die Modalitäten der Übergabe. Das war eine weniger heroische Lösung, als die Regierung in Kopenhagen sie erhofft hatte, bedeutete aber, dass von Zeska sich eine Reihe wichtiger Zugeständnisse sichern konnte. Russell erfüllte ihm seinen Wunsch nach sicherem Geleit zum Festland gegen sein Ehrenwort, dass er und seine Truppen nicht mehr die Waffen gegen Großbritannien erheben würden. Vergeblich bemühte sich von Zeska um eine schriftliche Zusicherung, dass Großbritannien die Insel nach dem Krieg an Dänemark zurückgeben werde. Das kam für Russell nicht in Frage, doch erklärte er sich zu weitreichenden Zugeständnissen in Bezug auf die Lage der Inselbewohner bereit: Die Helgoländer würden nicht zum Dienst in der britischen Flotte oder Armee gezwungen werden. Sie würden ihre Religion ungehindert ausüben können, und ihre Eigentumsrechte würden unangetastet bleiben. Wichtig war ferner, dass Russell sich erweichen ließ, den Helgoländern dieselben Privilegien zu garantieren, die sie schon unter der Herrschaft der dänischen Krone genossen hatten. Es war für die Helgoländer ein großer Vorteil, dass der Kapitulationsvertrag diese Privilegien nicht näher definierte – das Dokument avancierte zur heiligsten Verfassungsurkunde der Inselbewohner, auf die sie sich immer dann beriefen, wenn sie ihre Herrscher zu Zugeständnissen zu bewegen suchten.

Am 5. September um 16:30 Uhr wurde die dänische Fahne eingeholt und der Union Jack gehisst. Die Briten hatten die Insel eingenommen, ohne dass ein Schuss gefallen war. Russell ließ die gefangen genommenen Dänen nach Holstein ausschiffen. Den Helgoländern erklärte er sodann, sie seien ab sofort »Staatsbürger Großbritanniens mit allen allgemein bekannten Vorteilen, die dieser Status mit sich bringt«. Russell installierte einen seiner Offiziere, Corbet d'Auvergne, als vorläufigen Gouverneur und wies ihn an, dafür zu sorgen, »dass die Bewohner mit größter Freundlichkeit behandelt werden, so dass sie sich beruhigen und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zu unserem Staat geweckt wird; denn ich hoffe, dass wir [die Insel] nie wieder hergeben«. Bevor Russell selbst wieder in See stach, schickte er einen Bericht an die Admiralität:

Helgoland wird nunmehr, wie unsere Kolonien, von einem Gouverneur, einem Rat und einer Versammlung verwaltet. Es zählt 3300 Seelen, wobei die Frauen um 300 in der Mehrzahl sind. Es ist im Besitz eines sicheren Hafens, der sich zwischen dem Felsen und der Düne auftut, für Schiffe bis zu 12 Fuß Tiefgang und mit einer sicheren Reede für 20 Linienschiffe das ganze Jahr hindurch.

Um zu unterstreichen, wie nützlich dieser Naturhafen für die britische Flotte sein konnte, fügte er hinzu: »Es bläst im Moment ungeheuer kräftig aus West-Südwest, der beinahe am wenigsten geschützten Richtung, und doch drehen wir uns leicht um den Anker.«

Was hier im September 1807 beginnt, ist die Geschichte eines Vorpostens am Rande Europas, wo Großbritannien und sein Empire mit dem europäischen Kontinent im Kontakt standen. Helgoland gehörte zu einer ganzen Reihe Inseln, die Großbritannien im Laufe seiner Kriege gegen Frankreich besetzte: Korsika, Elba, Malta, Sizilien, die Ionischen Inseln (wobei Korfu bis 1814 französisch blieb). Zusammen mit Gibraltar, das seit dem frühen 18. Jahrhundert britisch war und während der napoleonischen Kriege erbittert verteidigt wurde, führten die Briten diese Inseln in ihren Büchern als »europäische Besitzungen«. Für einige Beobachter signalisierten diese Erwerbungen den Beginn eines neuen Kapitels in den Beziehungen Großbritanniens zum Kontinent. Gould Francis Leckie, ein rühriger Unternehmer und Autor, der viel Zeit auf Sizilien zubrachte, gehörte zu den einflussreichsten dieser Stimmen. In seinem 1808 erschienenen Historical Survey of the Foreign Affairs of Great Britain porträtierte er diese Außenposten als Bausteine eines »insularen Empires«, das die Briten in die Lage versetzen würde, ihre maritime Vormachtstellung zu wahren, ohne sich auf zu viel Kräftemessen mit dem Kontinent einlassen zu müssen. Darin spiegelte sich eine prinzipielle Auffassung des Empires als einer Sphäre, die im Gegensatz zum kontinentalen Europa steht, eine Vorstellung, die bei vielen Kommentatoren des 19. und 20. Jahrhunderts Anklang fand. Der Kontinent, instabil und an den Übeln der Revolution und der Tyrannei krankend, sei etwas, von dem Großbritannien sich fernzuhalten gut beraten wäre. Das Empire würde den Briten just diese Möglichkeit eröffnen. Solange die Royal Navy die Seefahrtstraßen der Welt beherrschte, würde Großbritannien es nicht nötig haben, sich in die Politik der Kontinentalmächte einzumischen. Es konnte sich darauf konzentrieren, sein Empire zu vergrößern und vom Welthandel zu profitieren.

Leckies Idee eines »insularen Empires« und die umfassendere »Strategie des blauen Wassers«, die sie reflektierte, basierten jedoch auf einer falschen Dichotomie. Empire und Europa waren nicht einander ausschließende Sphären, und Großbritannien war auch nicht in der Position, sich entweder die eine oder die andere auszusuchen. Sein sich stetig wandelndes, unscharf definiertes Weltreich war wirtschaftlich und strategisch mit Kontinentaleuropa verwoben. Wirtschaftliche Beziehungen pflegten die Briten kaum je ausschließlich mit Europa auf der einen Seite oder mit den Kolonien und dem Rest der Welt auf der anderen. Vielmehr verliefen die Güter-, Finanz- und Personenströme typischerweise im Dreieck: Standorte auf dem europäischen Kontinent waren in sie ebenso einbezogen wie solche in Übersee.

Ebenso wenig eröffnete das Empire den Briten die Chance, sich strategisch von Europa abzukoppeln. Es war im Gegenteil so, dass koloniale Expansion nur auf Grundlage europäischer Stabilität möglich war, ebenso wie umgekehrt europäische Instabilität typischerweise zu kolonialen Konflikten führte. Die meisten britischen Regierungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts waren sich dessen nur allzu bewusst: Eine starke Rolle in Europa zu spielen und das Empire zu vergrößern, waren nicht zwei gegenläufige Interessen, sondern aufs engste miteinander verknüpft. Die unregelmäßig entlang der europäischen Küsten aufgereihten Kolonien Großbritanniens verkörperten im Kleinen diese Abhängigkeit. Mit ihrer Besetzung verfolgten die Briten das Ziel, Trümpfe im Kampf gegen Napoleon zu sammeln – sie zeugte vom ausdrücklichen britischen Willen, die europäische Machtbalance zu korrigieren. Weit davon entfernt, Symbole des Rückzugs zu sein, wurden die »europäischen Besitzungen« Georges III. zu Scharnieren zwischen Empire und Kontinent, ganz ähnlich wie das Kurfürstentum Hannover selbst, das er in Personalunion regierte.

Im Falle Helgolands wurde dies schon bald nach der Vereinnahmung der Insel im September 1807 deutlich. Während der größte Teil der Presse die Besetzung beifällig aufnahm, vertraten manche Kritiker den Standpunkt, man sei nicht weit genug gegangen. Charles Pasley, der Helgoland im November 1807 besuchte, übte in seinem einflussreichen Essay on the Military Policy and Institutions of the British Empire besonders beißende Kritik am britischen Vorgehen. Der Ingenieur, Offizier und spätere angesehene General hatte kein Verständnis dafür, dass »die Eroberung dieses wertlosen roten Lehmbrockens, genannt Helgoland, in England mit größtem Beifall und Jubel begrüßt wird«. Großbritannien sei, donnerte er, viel zu zögerlich – es lege nicht annähernd genug militärischen Ehrgeiz an den Tag. Helgoland sei ein Symbol »dieses unmännlichen Kleinmuts«: Statt ganz Dänemark zu besetzen, habe sich die Regierung mit einem kleinen Felsen in der Nordsee begnügt. Pasleys geschickt vorgebrachtes Argument beruhte allerdings auf einer Fehleinschätzung der militärischen Möglichkeiten Großbritanniens, Napoleon an Land Paroli zu bieten. Während die britische Marine imstande war, die französische Bedrohung auf See abzuwehren, waren die britischen Landstreitkräfte nicht stark genug, aus eigener Kraft gegen Napoleon zu bestehen. Eine militärische Landung auf dem Kontinent im Jahr 1807 hätte aller Wahrscheinlichkeit nach in eine Katastrophe geführt. Großbritannien musste warten, bis sich genug Regierungen gegen Napoleon stellten und bis sich eine Koalition abzeichnete, die bereit war, zu handeln. Im Rahmen dieser Strategie kam es für Großbritannien entscheidend darauf an, diejenigen, die bereit waren, gegen Napoleon aufzustehen, mit »Gold und Schießpulver« zu unterstützen – mit Waffenlieferungen, Hilfsgeldern, verdeckten Operationen und punktuellen militärischen Einsätzen.

(Continues…)



Excerpted from "Helgoland"
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Table of Contents

Über das Buch / Über den Autor,
Titel,
Impressum,
Widmung,
Prolog: Zwischen den Welten,
1. Am Rande Europas,
2. Nation und Empire,
3. Die sentimentale Insel,
4. »Zu Deutschen machen«,
5. Inselfestung,
6. Nach Helgoland und zurück,
7. Deutschland entwaffnen,
8. Hitlers Insel,
9. Aus Ruinen,
Epilog: »No more Heligolands«,
Danksagung,
Anhang,
Liste der Abkürzungen,
Anmerkungen,
Quellenverzeichnis,
Bildnachweis,
Feedback an den Verlag,
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