Erbsünde

Erbsünde

by Faye Kellerman

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Overview

In einer ruhigen Straße am Rande von Greenbury, New York entdeckt Detective Peter Decker die schrecklich zugerichtete Leiche eines jungen Mannes, Brady Neil. Das Opfer führte ein unauffälliges Leben: fester Job, kaum Freunde, keine Vorstrafen. Doch Peter entdeckt eine Verbindung in Verbrecherkreise - Bradys Vater wurde für einen Raubmord verurteilt, als Brady noch ein kleiner Junge war. Als dann auch noch ein Freund von Brady verschwindet, stellt sich für Peter und seine Frau Rina die Frage: Lässt jemand die Kinder für die Sünden ihrer Väter büßen? »Faye Kellerman ist einfach eine exzellente Autorin.« The Times »Faye Kellermans Bücher machen süchtig.« Huffington Post

Product Details

ISBN-13: 9783959678353
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 05/02/2019
Series: Peter Decker and Rina Lazarus (German Language) Series , #25
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 448
Sales rank: 1,047,532
File size: 4 MB

About the Author

Faye Kellerman hat Mathematik und Zahnmedizin studiert, es dann aber vorgezogen, hauptberuflich zu schreiben. Ihre Krimis, insbesondere um das jüdische Ermittler-Ehepaar Peter Decker und Rina Lazarus, haben sich weltweit über 20 Millionen Mal verkauft. Mit ihren vier Kindern und ihrem Ehemann, dem New York Times-Bestseller Autor Jonathan Kellerman, lebt die Autorin in Kalifornien und New Mexico.

Hometown:

Beverly Hills, California

Date of Birth:

July 31, 1952

Place of Birth:

St. Louis, Missouri

Education:

B.A. in Mathematics, 1974; D.D.A., 1978

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Es hatte sich ein größerer Menschenauflauf gebildet, aber noch randalierte niemand. Über ein Dutzend Ruheständler in Hauskleidung und Bademänteln hatte sich um acht Uhr morgens auf der Straße versammelt und verlangte, dass die Behörden tätig wurden. Der Anruf hatte Decker zwanzig Minuten zuvor erreicht, als er sich gerade die blaue Krawatte band, die seiner typischen Dienstkleidung aus dunklem Anzug und weißem Hemd den letzten Schliff verlieh. Er verzichtete darauf, erst im Revier vorbeizuschauen, sondern fuhr direkt zum Schauplatz des Verbrechens: sieben zertrümmerte Briefkästen, deren metallene Befestigungsstangen aus dem Boden gerissen worden waren; überall auf Straße und Gehweg lagen Briefe und Postwurfsendungen verteilt.

Der weißhaarige Floyd Krasner war der Rädelsführer. »Das ist jetzt das dritte Mal in ... was, drei Monaten?«

»So lange ist es noch gar nicht her«, meldete sich Annie Morris zu Wort. Sie war in den Siebzigern und trug einen Frotteebademantel über ihrem geblümten Schlafanzug. »Das dritte Mal in zwei Monaten. So fängt der Sommer gar nicht gut an.«

»Kann man wohl sagen«, bekräftigte Floyd.

Janice Darwin band sich den korallenroten Bademantel fester und fügte hinzu: »Wissen Sie, um mich hier mit Verbrechen herumschlagen zu müssen, habe ich mein Leben in der Stadt nicht aufgegeben.«

Welche Stadt das war, wusste Decker nicht genau. Es war auch nicht weiter wichtig. Er strich sich den Schnurrbart glatt – silbergrau mit Resten seiner ursprünglichen rötlichen Farbe, die man auch an seinem Haar noch erahnen konnte. »Ich weiß, Sie sind frustriert ...«

»Was Sie nicht sagen«, platzte es aus Floyd heraus.

Zustimmendes Grummeln aus der Menge.

Decker sah sich den älteren Herrn an: hängende Schultern und ein wütender Ausdruck in den Augen. Floyd und er waren ungefähr im selben Alter. Im Gegensatz zu ihm verfügte Decker jedoch über einen kräftigen Rücken und breite Schultern, wenngleich er vermutete, dass er inzwischen dank Schwerkraft ein paar Zentimeter an Körpergröße eingebüßt hatte. Trotzdem war er noch immer sehr stattlich und überragte die allermeisten. Er wurde oft gefragt, ob er in seiner Jugend Basketball gespielt hatte.

Nein. Zu schwer und nicht schnell genug.

Er wandte sich an die Anwohner: »Hat jemand gestern Nacht irgendetwas gehört? Ein Schaden dieser Größenordnung muss doch einen ziemlichen Krach gemacht haben.«

Niemand meldete sich zu Wort. Was auch zu erwarten war, da die Hälfte der Leute Hörgeräte trug, die sie abends ablegte. Deckers Blick wanderte hoch zu den Hausdächern, dann wieder zurück zu Floyd. »Was ist eigentlich mit der Überwachungskamera passiert, die wir an Ihrem Haus angebracht haben?«

Krasner nagte verlegen an seiner Lippe. »Ich hab sie abmontiert.«

»Warum?«, fragte Decker perplex.

Kurzes Schweigen. »Hat die Regenrinne verstopft.«

»Floyd, die Kamera habe ich eigenhändig angebracht. Sie war nicht mal in der Nähe Ihrer Regenrinne, darauf habe ich geachtet.«

Der Mann senkte den Blick. »Sie hat meiner Frau nicht gefallen. Sie fand, dadurch sah das Haus aus wie ein Hochsicherheitstrakt.« Dann funkelte er Decker wütend an. »Ist doch auch egal. Sie wissen doch ganz genau, welche kleinen Mistkerle das waren.«

»Vermutlich, aber ohne Beweise kann ich sie nicht festnehmen, oder?« Decker schüttelte ungläubig den Kopf. »Die Kamera hat über zweihundert Dollar gekostet. Was haben Sie damit gemacht?«

»Liegt in der Garage.«

»Funktioniert sie noch?«

»Ja, tut sie.«

»Würden Sie sie mal holen?« Decker drehte sich zu Anne um, die neben Floyd wohnte. »Hätten Sie was dagegen, wenn ich die Kamera an Ihrem Haus anbringe?«

»Nein, nur zu. Sie hätten mich auch gleich fragen können.«

»Floyd hatte sich damals angeboten. Ich hatte keine Ahnung, dass er sie wieder abmontiert hat.«

»Sie hat die Regenrinne verstopft«, wiederholte Floyd.

»Nein, hat sie nicht.« Decker sah zur versammelten Menge. »Alle mal herhören, gehen Sie jetzt wieder nach Hause. Ich werde Aufnahmen von dem Chaos hier machen, und wir schicken jemanden vorbei, der die Briefkästen wieder aufstellt.«

Karl Berry ergriff das Wort. »Wäre es nicht einfacher, für uns alle Postfächer zu organisieren?«

Janice widersprach sofort. »Ich will kein Postfach. Ich habe gerne einen richtigen Briefkasten.«

»Wieso? Ich kriege immer nur Werbung.«

»Karl, da müssen Sie sich an die Stadtverwaltung wenden. Ich kümmere mich nur um Verbrechen«, sagte Decker.

»Und zwar nicht sonderlich erfolgreich«, kommentierte Floyd.

»Na, das war aber nicht sehr nett«, sagte Annie. »Wenn Sie nicht die Kamera abgeschraubt hätten, hätten wir sie vielleicht auf frischer Tat ertappt.«

Floyd brummelte etwas Unverständliches. Schließlich sagte er: »Ich hol das blöde Ding ja schon.«

»Gehen Sie jetzt alle nach Hause. Ich fange am Ende des Blocks an und arbeite mich vor.«

Als sich die Anwohner langsam wieder in ihre Häuser begaben, ging Decker die Straße hinunter. Greenbury war ein Städtchen in einer ländlichen Gegend im östlichen Upstate New York, aber manche Gegenden hier waren ländlicher als andere. Canterbury Lane, die Straße, auf der er sich gerade befand, endete an einem Waldgebiet, das jetzt frühsommerlich grün und dicht belaubt war. Die Tage waren jetzt wieder länger, die Sonne schien heller, der Himmel leuchtete blau, und trotz der ungehaltenen Menschenmenge von eben war Decker bester Stimmung.

Die milderen Abende lockten allerdings auch die ortsansässigen Rowdys ins Freie. Sie trieben sich auf den Straßen herum, rauchten Hasch in abgelegenen Gässchen, und wenn sie wirklich ungestört sein wollten, trafen sie sich im Wald, nahmen Drogen, hatten Sex und vollführten welche gestörten Rituale auch immer ihre unterbelichteten Hirne sich einfallen ließen. Decker vermutete, dass die Kids, den Kopf voller Meth und Satan, vom Wald her gekommen waren und beschlossen hatten, aus Spaß ein bisschen Vandalismus zu betreiben.

Das letzte Haus des Blocks grenzte auf zwei Seiten an den Wald an und gehörte Jeb Farris, einem Finanzmanager im Ruhestand, der meist den Sommer in Greenbury verbrachte. Er war noch nicht eingetroffen, also konnte Decker ihn nicht um Erlaubnis fragen, durch seinen Garten zu stiefeln, aber er nahm an, Jeb hätte nichts dagegen. Er war auf der Suche nach Beweisen für jugendliches Fehlverhalten: Zellophanpäckchen mit weißem Pulver, Pillen, Asche von Crackpfeifen, Jointstummel. In dieser Richtung gab es nichts, aber das, was er stattdessen fand, war ein ziemlicher Schock.

Decker brauchte einen Moment, um die Fassung wiederzugewinnen. Dann nahm er sein Handy heraus. Als Erstes rief er McAdams an, der ihn fragte: »Na, wie läuft's mit der Rollator-Brigade?«

»Harvard, ich habe gerade eine Leiche gefunden.«

»Wie bitte?«

»Vorne, wo der Wald anfängt, da, wo Greenbury langsam in Hamilton übergeht. An der Nordseite von Jeb Farris' Grundstück. Ich brauche zwei uniformierte Beamte, die das Gebiet mit Absperrband abriegeln, die Spurensicherung und einen Coroner. Dem Mann wurde der Kopf auf der rechten Seite eingeschlagen, und neben der Leiche liegt ein blutiger Baseballschläger.«

»Alter?«

»Anfang bis Mitte zwanzig. Männlich, Bart, allerdings nicht viel. Schick Kevin Butterfield her, wenn er Zeit hat. Er kann vor Ort die Leitung übernehmen.«

»Irgendeine Vermutung, wer das Opfer ist?«

»Nein. Er liegt auf der Seite, das Gesicht ist halb verdeckt, und ich rühre ihn nicht an, bevor der Coroner da ist. Ruf in Hamilton an. Die sollten dort in der Gerichtsmedizin jemanden Geeignetes haben. Schreibst du mit?«

»Jedes Wort.«

»Wenn du die Streifenpolizisten, Kevin und die Jungs von der Spurensicherung benachrichtigt hast, möchte ich, dass du folgende Schwachköpfe ausfindig machst: Riley Summers, Noah Grand, Chris Gingold, Erik Menetti und Dash Harden. Ich will wissen, wo jeder Einzelne von denen gestern Nacht war und was er gemacht hat.«

»Wohnen die nicht alle in Hamilton?«

»Aber die Leiche befindet sich hier in Greenbury.« Decker dachte kurz nach. »Ich werde die Sache mit Radar besprechen. Er soll mit den Kollegen in Hamilton reden. Aber wir müssen sie auf jeden Fall vernehmen.«

»Die Schwachköpfe.«

»Genau. Wie läuft's übrigens bei dir?«

»Bitte?«

»Lebst du dich gut ein? Alles in Ordnung?«

»Ich würde lieber bei Rina und dir wohnen.«

»Kommt nicht infrage.«

»Ist doch nur für den Sommer, alter Mann.«

»Kommt trotzdem nicht infrage. Aber du kannst heute Abend zum Abendessen vorbeikommen ... wenn wir bis dahin hier fertig sind. Aber selbst wenn nicht, kann Rina uns Sandwiches machen.«

»Gerne. Klingt besser als das, was ich geplant hatte.«

»Und zwar?«

»Thunfisch aus der Dose mit einer Garnitur Selbstmitleid.«

Die größere Gemeinde Hamilton grenzte unmittelbar an das College-Städtchen Greenbury, aber die zwei Ortschaften hatten eine vollkommen unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Struktur. In Hamilton gab es die großen Warenhäuser, Supermärkte, Fastfoodketten und eine richtige Stadtverwaltung mit richtigen Problemen und richtigem Verbrechen. Greenbury mit seinem Universitätsviertel war ein Städtchen voller Boutiquen, Bauernmärkten, Cafés, Gastropubs und einem malerischen kleinen, ungefähr einhundert Jahre alten Rathaus, das stilistisch an den Historismus angelehnt war. Das Polizeirevier, ein rechteckiges Backsteingebäude, das ungefähr so modern anmutete wie eine Dorfschule, befand sich im Zentrum des Univiertels. Allerdings verfügte es über WLAN, und die Klimaanlage war kürzlich repariert worden, sodass es sich in den Räumlichkeiten zu jeder Jahreszeit gut aushalten ließ.

Decker recherchierte die Namen online. Die Jungs aus Hamilton hatten diverse Vorladungen für Tagging und Vandalismus, aber keiner von ihnen war je eines Gewaltverbrechens beschuldigt worden, ganz zu schweigen von Mord. Die bevorzugte Vorgehensweise der Jungs schien zu sein, so viel Chaos in Greenbury anzurichten, wie sie nur konnten, und sich dann schnellstmöglich wieder in den Schutz ihrer eigenen Stadt zurückzuziehen. Decker hatte jedes Recht, sie zur Vernehmung zu zitieren, aber es wäre viel einfacher, an die kleinen Mistkerle dranzukommen, wenn er den entsprechenden Kanälen folgte. Wenn er vollen Zugriff auf die Unterlagen des Hamilton PD haben wollte, benötigte er die Kooperation dieser Behörde – und das erforderte immer viel Fingerspitzengefühl. Mike Radar konnte hier helfen, also legte Decker ihm den Fall aus seiner Sicht dar.

»Hamilton war bislang nicht gerade sehr erfolgreich darin, die Jungs in ihre Schranken zu weisen«, erläuterte Decker.

»Die Kollegen aus Hamilton wären sicher begeistert, das zu hören.« Radar näherte sich langsam seinem zweiten Ruhestand. Der erste war gewesen, die Großstadt zu verlassen, um hier am Greenbury PD die Stelle als Captain anzutreten. Decker hatte einen ähnlichen Weg eingeschlagen: Auf der Suche nach etwas Ruhigerem und weniger Zeitintensivem hatte er sich aus Los Angeles hierher versetzen lassen. Aber im Lauf der letzten drei Jahre hatte er in drei überaus ungewöhnlichen Mordfällen ermittelt. Um mit Raymond Chandler zu sprechen, war Gefahr offenbar wirklich sein Geschäft.

Decker fuhr fort: »Ich will nicht einfach bei denen reinplatzen und Forderungen stellen. Im umgekehrten Fall würde ich das auch nicht wollen, aber ich muss dringend an diese Jungs rankommen.«

Radar war drahtig und hatte schütteres graues Haar. Er war intelligent und scharfsinnig, aber manchmal ein wenig zu vorsichtig. Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach neun Uhr morgens. »Wer ist gerade am Tatort?«

»Kevin Butterfield. Vielleicht McAdams. Wir warten noch auf den Coroner.«

»Sind auch Kollegen aus Hamilton dabei?«

»Die Leiche wurde in Greenbury gefunden. Das ist unser Zuständigkeitsbereich. Das Ganze trägt die Handschrift dieser Mistkerle, und ich bitte lediglich um ein bisschen Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Behörden.«

»Warum glaubst du, dass einer der Jungs den Mord verübt hat? Du hast mir doch gerade erzählt, dass keiner von denen wegen eines Gewaltverbrechens vorbestraft ist.«

»Zerstörte Briefkästen sind aber deren Markenzeichen.«

»Das können sie auch gemacht haben, ohne den Mord verübt zu haben.«

»Falls sie die Leiche gefunden haben, haben sie's auf jeden Fall nicht gemeldet.«

»Vielleicht ist der Mord nach den Briefkästen passiert?«

»Oder es war vielleicht doch einer von denen. Oder sie waren's nicht, haben aber den Täter gesehen. Es wäre das Schlaueste, sie als Zeugen vorzuladen und zu hören, was sie zu sagen haben.«

Radar gab ihm recht. »Ich werde mal ein paar Anrufe machen. Aber ohne Beweise, worum genau es geht und wer genau beteiligt war, dürfte es schwierig werden.«

»Wie du schon sagtest, die Leiche hat möglicherweise auch gar nichts mit den Kids zu tun.«

»Und wir wissen nicht, um wen es sich handelt?«

»Bei der Leiche? Keine Ahnung. Ich warte drauf, dass McAdams oder Butterfield sich bei mir melden.«

»Vielleicht sollte ich mit den Anrufen warten, bis die Leiche identifiziert ist.«

»Sag Hamilton, ich will nur wissen, ob die Jungs irgendwas gesehen haben. Mach es nicht unnötig kompliziert.«

»Und wenn es doch kompliziert wird?«

»Gar kein Problem.« Decker grinste. »Kompliziert kann ich besonders gut.«

CHAPTER 2

Im Juni war das Wetter in Greenbury extrem wechselhaft: von kühl bis warm und drückend, dann wieder kühl. An den Fünf Colleges in Upstate hatten gerade die Sommerkurse begonnen, und auf den Straßen herrschte reger Betrieb. Zwei Wochen zuvor hatten die alljährlichen Abschlussfeierlichkeiten stattgefunden, und jedes Hotel und Bed-and-Breakfast war ausgebucht gewesen, was bedeutete, dass bedürftige Studenten im Abschlussjahr, die ein wenig zusätzliches Einkommen benötigten, ihr Zimmer ebenfalls vermietet hatten. Aber weder Decker noch seine Frau Rina wollten Fremde bei sich zu Hause haben, die überall in Bademantel und Hausschuhen herumschlurften. Dieses Vorrecht hatte einzig und allein Decker.

An diesem Morgen war Decker früher als sonst aus dem Haus gehastet. Wenn er das tat, kam er häufig vormittags auf einen Kaffee zurück, vor allem, wenn Rina an dem betreffenden Tag nicht zur Arbeit musste. Heute kam er nach Hause und fand sie draußen im Garten vor, wo sie Blumentöpfe mit Chrysanthemen, Rittersporn, Sonnenblumen und Gladiolenzwiebeln bepflanzte, die ihr Schnittblumen für die Vase liefern würden. Nächste Woche wäre das Gemüse an der Reihe.

Rina blickte auf, dann erhob sie sich und wischte sich die Erde vom Jeansrock. Sie war etwa einen Meter fünfundsechzig groß und schlank. Mittlerweile war sie in den Fünfzigern. Mit der Zeit waren ihre ursprünglich eher kantigen Gesichtszüge weicher geworden. Auf ihrer Stirn zeigten sich kleine wellenförmige Linien, und rund um ihre strahlend blauen Augen hatte sie Lachfältchen. Ihr dunkles Haar war noch immer dicht und voll mit kaum einer Spur von Grau. »Hallo.«

»Hallo«, begrüßte sie auch Decker. »Hast du Zeit für einen Kaffee?«

»Klar. Ist alles in Ordnung?«

»Ja, alles bestens. Warum fragst du?«

»Du siehst aus, als ob irgendwas Unvorhergesehenes passiert ist und du nur auf den richtigen Zeitpunkt wartest, um es mir zu sagen.«

»Ich habe eine Leiche gefunden. Männlich. Jung. Wir wissen noch nicht, wer es ist.«

»Oje! Geht das aufs Konto dieser Jungs aus Hamilton?«

»Keine Ahnung. Störe ich dich gerade?«

»Ich hab doch noch den ganzen Tag Zeit. Komm, gehen wir rein. Du kannst Kaffee kochen, während ich mich frisch mache.«

Sobald er sich gesetzt hatte, seine Koffeindosis in Griffweite, beschrieb Decker seiner Frau den Fund im Detail.

»Falls das Opfer die Jungs beim Zerlegen der Briefkästen erwischt hat, findest du nicht, dass es eine extreme Reaktion wäre, ihn gleich umzubringen?«, fragte Rina.

»Ist schon Seltsameres vorgekommen.«

»Schon, aber viel wahrscheinlicher würden sie doch nur abhauen. Und falls sie erst das Opfer umgebracht haben, warum sollten sie danach noch die Briefkästen umreißen?«

»Ich weiß nicht, um wen es sich bei dem Opfer handelt. Ich frage mich nur, ob es einer von den Jungs ist, und in dem Fall müsste ich sowieso mit den anderen reden ...« Sein Handy klingelte. Als er es hervorholte, warf er einen raschen Blick aufs Display. »Tyler.«

»Geh ruhig dran.«

»Danke.« Decker ging hinüber ins Wohnzimmer und drückte auf Annehmen. »Yo.«

»Wir haben ein Portemonnaie und einen Führerschein gefunden. Brady Neil. Sechsundzwanzig Jahre alt, eins zweiundsiebzig, siebzig Kilo.«

»Ziemlich klein.«

»Im Vergleich zu dir ist jeder klein.«

»Adresse?«

»In Hamilton.« McAdams gab die Straße und Hausnummer durch.

»Gut. Sieht das Gesicht so aus wie auf dem Führerscheinfoto?«

»Wer sieht schon aus wie auf seinem Führerscheinfoto?« »McAdams ...«

»Durch den Schlag wurde sein Gesicht in Mitleidenschaft gezogen, aber das ist er. Ich mach ein Foto von seinem Gesicht und dem Führerschein und schick dir beides auf dein Handy.«

»Prima. Falls er Eltern hat, können die ihn anhand der Bilder identifizieren. Erspart ihnen den Besuch im Leichenschauhaus. Was hat der Coroner bezüglich Todeszeitpunkt und – ursache gesagt?«

»Letzte Nacht gegen Pi mal Daumen.«

»Doch so Präzise, was? Und die Todesursache? Irgendein Hinweis außer dem, was ich mit bloßem Auge feststellen konnte?«

»Ihm wurde der Schädel eingeschlagen, aber sie will sich erst auf eine Todesursache festlegen, wenn sie ihn obduziert hat.«

(Continues…)


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