Der dunkle Engel: Roman

Der dunkle Engel: Roman

by Keith Donohue, Sabine Herting

NOOK Book(eBook)

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Overview

Ein modernes Märchen, das den Zauber der Magie in unserer Wirklichkeit beschreibt Keith Donohue hat eine abgründig schillernde Geschichte über die Macht der Phantasie geschrieben: Norah, das neunjährige Mädchen, das mitten in einer kalten Nacht aus dem Nichts auftaucht, gibt der einsamen Witwe Margaret die Hoffnung, dass sie ihre Enkelin sein könnte. Denn ihre Tochter Erica ist zehn Jahre zuvor mit ihrem Freund verschwunden. In der langen Zeit gab es nur eine Postkarte. Margaret meldet Norah in der Schule als ihre Enkelin an. Mit dem traurigen Nachbarsjungen Sean ist sie schnell befreundet, aber auch ihm erklärt Norah nicht, woher sie kommt. Ihm erzählt sie, dass sie ein Engel sei … Keith Donohue zeigt uns, was passiert, wenn Wünsche und Wirklichkeiten sich vermischen.

Product Details

ISBN-13: 9783641036843
Publisher: C. Bertelsmann Verlag
Publication date: 11/20/2009
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 486
File size: 598 KB

About the Author

Keith Donohue lebt mit seiner Familie in der Nähe von Washington D.C. Er war lange für die nationale Kulturstiftung tätig, bevor er Schriftsteller wurde. Sein erster Roman "Das gestohlene Kind" war ein großer internationaler Erfolg, eine Verfilmung ist in Vorbereitung.

Read an Excerpt

Januar 1985

Immer wieder hörte sie es klopfen, behutsam und leise. Sie warf das Daunenplumeau, das sie wie ein Kokon umhüllte, beiseite und schlang sich gegen die winterliche Kälte einen Schal um die Schultern. Margaret war alleine im Haus und schlich vorsichtig die Treppe hinunter, wobei sie den Atem anhielt, um sich zu vergewissern, dass das Geräusch vor der Haustür nicht schon wieder eine akustische Täuschung war, die ihren hart erkämpften Schlaf störte. Von der vierten Stufe lugte sie durch das Oberlicht der Tür, sah aber nur bedrohliche Schwärze und das bläuliche Licht von Mond und Sternen, das der frisch gefallene Schnee zurückwarf. Sie flüsterte ein Gebet: ... nimm hinweg, was mir schaden kann ...
Margaret drückte die Handflächen auf das Eichenholz, um ihr Gegenüber auf der anderen Seite zu erspüren, ohne etwas zu sehen, ohne gesehen zu werden, drehte vertrauensvoll den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein zitterndes kleines Mädchen, nicht älter als neun, an dessen Beinen ein ramponierter Koffer lehnte. Zwischen Mantelsaum und Kniestrümpfen leuchtete ihre nackte Haut lachsfarben. Sie trug keine Mütze, und selbst in dem dämmrigen Licht loderten ihre Ohrspitzen rot durch ihr feines blondes Haar. Ein sichtbares Frösteln glitt ihr die Wirbelsäule hinauf, ihre knochigen Knie schlugen aneinander, und ihre mageren Hüften wanden sich, bis der Kälteschauer mit Schulterzucken und unabsichtlichem Zähneklappern endete. Sie schloss die Finger zu Fäusten, damit das Blut weiter zirkulierte. Unter dem abgetragenen karierten Mantel, der eher für erste Herbsttage gedacht war, schien das Mädchen nur ein Knochengestell, nur Konturen und spitze Ecken zu sein. Der Winter blies geradewegs durch sie hindurch.
»Du armes Ding, komm herein. Wie lange bist du schon in dieser Kälte?«
Margaret Quinn betrachtete ihren Gast, trat dann hinaus auf die Veranda, holte den winzigen Koffer herein und verschloss die Tür hinter sich. Was durch die offene Tür unwirklich erschienen war, stand ihr nun im sicheren Haus gegenüber. Das Mädchen stand zitternd und zuckend und langsam auftauend im Flur. An ihren Mantel war ein angerissenes Papierschildchen geheftet, auf dem mit gewissenhafter, unsicherer Hand drei Buchstaben geschrieben standen: N-O-R.
»Ist das dein Name, Kind? Du hast etwas vergessen. So schreibt man Norah nicht. Da fehlt ein A und ein H. Bist du das? Norah?«
Das Kind antwortete nicht, doch allmählich begann die Wärme zu ihm durchzudringen, sodass die eisige Erstarrung nachließ. Als es bemerkte, dass die Frau es ansah, lächelte es mit schmalen blauen Lippen. Margaret knipste rasch die Lampen an, im Esszimmer und in der Küche, und das Mädchen folgte ihr wie ein Hündchen, als Margaret ein Streichholz anriss, ein Feuer im Holzofen entzündete und dann mit einem Stück Anmachholz die gusseiserne Tür zuschob. »Komm, wärme dich.«
Alte Gewohnheiten und schlummernde Instinkte wurden wach. Margaret erhitzte Milch in einem Topf und strich Butter auf Kräcker. Das Mädchen, das auf einem Stuhl am Ofen hockte, knöpfte den Mantel auf und wand die Arme aus den Ärmeln. Als ihre dicke Brille beschlug, nahm sie sie ab, putzte die Gläser mit dem Saum ihres Kleids und setzte sie sofort wieder auf die Nase. Blut strömte wieder durch ihre Wangen und ließ sie rot glühen. Ihre Augen leuchteten auf, wortlos nahm sie den Becher und trank ihn gierig halb aus.
»Du musst diese Butterkräcker entschuldigen, das ist alles, was ich habe. Hier kommen nicht viele Kinder vorbei.«
Die Kräcker gingen zur Neige. Der leere Becher wurde wieder gefüllt. Das alte Haus, aus dem Schlaf gerissen, ächzte und knackte. Ihre Augen begannen zu strahlen, als sie vollkommen reglos neben Margaret am Küchentisch saß und die beiden sich in der sie umschließenden Wärme betrachteten.
»Wo kommst du her? Wie bist du hierhergekommen?«
Der Mantel glitt von den Schultern des Mädchens und enthüllte einen blauen Trägerrock über einer gelben Bluse und weiße Kniestrümpfe, die von hundert Wäschen schäbig geworden waren. Zwei ungleiche Spangen hielten ihre zotteligen Haare zurück, und ein weißer Rand glänzte über ihren aufgesprungenen Lippen. Während sie über ihre Antwort nachdachte, fiel sie ins Leere, und als sie die Augen schloss, schlängelten sich dünne Äderchen über ihre bleichen Lider. Als Margaret sich der späten Stunde bewusst wurde, spürte sie mit einem Mal ihr beschwerliches Alter, die Schwere in den Armen und Beinen, den Schmerz in den Gelenken. Ihre Stimmung verdüsterte sich. »Kind, kannst du sprechen?«
»Ich war so durchgefroren«, sagte das Mädchen mit phlegmatischer Stimme. »Ich war so kalt wie die Spitze eines Eiszapfens.« Eine alte Seele im Körper eines übernatürlich klugen Kindes. Nachdem es mit raschem Schluck seine Milch ausgetrunken hatte, räusperte es sich, sodass seine Stimme eine Oktave höher klang. »Ich hatte den ganzen Abend noch nichts gegessen, ich danke Ihnen, Mrs. Quinn.«
Margaret war überrascht, dass es ihren Namen wusste, und vermutete dann, das Kind müsse ihn auf dem Briefkasten gelesen haben. Das kleine Mädchen gähnte und zeigte einen zerklüfteten Kiefer mit Milchzähnen und Lücken, wo die zackigen Ränder der zweiten Zähne das Zahnfleisch in einem sonderbaren Winkel durchstießen.
»Du musst müde sein, meine Kleine.«
»Norah, mit einem A und einem H am Ende. Ich fühle mich, als hätte ich tausend Jahre nicht geschlafen.«
Beide Zeiger der Uhr hatten die Zwölf überschritten. »Oben gibt es ein Gästebett. Aber zuerst rufen wir deine Mutter an.«
»Ich habe keine Mutter. Und auch keinen Vater. Überhaupt niemanden auf der ganzen Welt. Ich bin ein Waisenkind, Mrs. Quinn.«
Ein schmerzhafter Stich ging ihr durchs Herz. »Das tut mir sehr leid. Seit wann bist du allein?«
»Schon immer. Von Anfang an. Ich habe meine Eltern nie kennengelernt.«
»Und von wo kommst du? Wir sollten die Polizei anrufen und fragen, ob ein Kind vermisst wird.« Sie versuchte, sich an den Namen des Kriminalbeamten zu erinnern — hieß er Willet? —, der sie monatelang nach Ericas Verschwinden behelligt hatte. Ihre Tochter wurde nie gefunden.
»Ich habe mich nicht verirrt.« Das Mädchen machte große Augen, ohne zu blinzeln.
Polizei ist zwecklos, dachte sie. »Aber wie bist du hierhergekommen?«
»Ich habe nach einem Platz gesucht, und Ihr Licht war an, und vor Ihrer Tür liegt eine Willkommen-Matte. Sie haben jemanden erwartet.«


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